Halbleere Reisschalen

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Halbleere Reisschalen

 

„Während einige Menschen sich Mahlzeiten im Wert von einigen hundert Dollar leisten können, hocken andere vor halbleeren Reisschalen” (Jacques Diouf, Generaldirektor der FAO, Ende Mai in Berlin).

Die Zahl der Hungernden von 800 Millionen bis 2015 um die Hälfte zu verringern war das erklärte Ziel des Welternährungsgipfels von 1996. Derzeit sinkt die Zahl der Hungernden pro Jahr um 6 Millionen Menschen, 22 Millionen pro Jahr wären erforderlich, um das Ziel zu erreichen.

Das Ziel ist ambitioniert: Naturkatastrophen und extreme Wetterlagen wie Wirbelstürme, Überflutungen oder anhaltende Trockenheit werden durch den Klimawandel zunehmen und bedrohen die Ernährungssicherung in vielen Entwicklungländern zusätzlich. (FAO: Zur Lage der Ernährungsunsicherheit in der Welt 2001). Insbesondere die ländliche Bevölkerung ist stark gefährdet.

In Ostafrika zerstörte eine extreme Trockenheit zwischen 1999 und 2001 Ernte und Viehbestände und hinterließ Millionen Menschen, die auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen waren. Nehmen Häufigkeit und Intensität derartiger Naturkatastrophen zu, wie heutige Klimamodelle voraussagen, so werden die ärmsten Länder, die bereits heute die Hauptlast der Naturkatastrophen tragen, am stärksten davon betroffen sein. Durch vermehrte Wüstenbildung, Dürren und Landverödung verringert sich die nutzbare Landfläche zum Anbau von Kulturpflanzen.

Die betroffenen Länder haben oft weder die nötigen Mittel für Katastrophenvorsorge noch für die Beseitigung der Schäden. Regierungen, die schon jetzt wirtschaftlich nur einen engen Spielraum haben, müssen vom wenigen verfügbaren Geld Mittel abzweigen, um die Auswirkungen von Trockenheit oder Fluten kurzfristig zu mildern. Damit werden ihre langfristigen Anstrengungen zur Verbesserung der Nahrungsmittelversorgung und der wirtschaftlichen Lage durchkreuzt.

Nicht nur Naturkatastrophen, sondern auch die mittleren Klimabedingungen eines Standortes ändern sich mit dem Klimawandel. Davon abhängig sind die Wachstumsbedingungen für Pflanzen vor Ort. In einigen Regionen könnte sich aufgrund des Klimawandels die Wachstumsperiode um drei bis vier Wochen verkürzen, in anderen verlängern. Dies hängt mit dem zunehmenden CO2-Gehalt in der Atmosphäre, der damit verbundenen Temperaturerhöhung und deren Wirkung auf die Pflanzen zusammen. Während das Wachstum sogenannter C3- Pflanzen wie Weizen, Soja, und Reis bei erhöhtem CO2-Gehalt in der Atmosphäre wahrscheinlich steigt, ist das bei den typischerweise in Entwicklungsländern angebauten sogenannten C4-Pflanzen, wie Mais, Sorghum, Hirse und Zuckerrohr nicht der Fall. Bei den C3-Pflanzen verschiebt sich das Verhältnis Kohlenhydrate zu Proteine zugunsten der Kohlenhydrate, was die Qualität der Pflanze verschlechtert und ihre Anfälligkeit gegen Schädlinge erhöht. Bei Reis erzeugen höhere Temperaturen (35-40°C) Sterilitätserscheinungen.

Mit steigenden Temperaturen wird sich das Pflanzenspektrum allgemein und insbesondere auf der landwirtschaftlichen Nutzfläche verändern. Die Anbauzonen werden sich Richtung Pole verschieben. Schadinsekten werden durch wärmere Winter nicht mehr genügend dezimiert, es kommt zu größeren Populationen und Wanderungsflügen. Heute schon verbreiten sich bestimmte Wärme-liebende Insekten in Europa um 20-50 km pro Jahr Richtung Norden.

Die Quantifizierung der Schäden ist - gerade in Entwicklungsländern - noch schwierig. Die Datenlage ist wesentlich schlechter als in Industrieländern, wo CO2-Wirkungen auf das Pflanzenwachstum, aber auch Schadentwicklungen durch Insekten unter kontrollierten Klimabedingungen sehr genau untersucht sind: Mit wirtschaftlichen Verlusten ist in einigen landwirtschaftlichen Regionen der USA zu rechnen. Schädlinge und Pflanzenkrankheiten werden sich hier stärker ausbreiten, der dadurch hervorgerufene höhere Pestizideinsatz kann wiederum gesundheitliche Schäden und Biodiversitätsverluste erhöhen. In Australien werden ähnliche Schäden erwartet. Hier spielt aber auch die Gefährdung von Trink- und Bewässerungswasser durch einfließendes Salzwasser eine große Rolle. Ebenso davon betroffen sind die Philippinen. In Indien und Bangladesh wirkt sich insbesondere die Zunahme der Intensität und Häufigkeit von Wirbelstürmen (Zyklonen) erheblich auf die Landwirtschaft aus. Südafrika muss mit erheblichen Schäden beim Maisanbau rechnen. Auch für Weizen und Zuckerrohr ist ein großer Schaden zu befürchten. Viele weitere Schäden, wie der Verlust an Artenvielfalt oder die verstärkte Gesundheitsgefährdung durch schlechtere Wasserversorgung, lassen sich nur sehr schwer quantifizieren, obwohl sie wahrscheinlich einen großen Anteil an der Schädigung haben.

Hauptverursacher dieser Klimaschäden sind die Industrieländer und die aus ihnen stammenden multinationalen Konzerne, die mit ihrem hohen CO2-Ausstoß den größten Beitrag zum Klimawandel leisten. Im Rahmen unserer Klima-AUSBADE-Kampagne wollen wir die Frage der Haftung für entstandene und noch zu erwartende Schäden stellen - damit nicht noch mehr Menschen hungern müssen. Dabei zählen wir auch auf das Engagement unserer Leser. Machen Sie mit!

Rainer Engels
 

 

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