Ein intelligentes Netz für den Sprung ins Solarzeitalter

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Ein intelligentes Netz für den Sprung ins Solarzeitalter

IT-Industrie für Ausbau der Erneuerbaren Energien nötig

Kürzlich legte der Bundesverband Erneuerbare Energien eine überraschende Prognose vor. Wenn die gegenwärtigen Trends sich fortsetzen und das Energieeinspeisegesetz (EEG) weiter Bestand hat, ist damit zu rechnen, dass bereits im Jahr 2020 Erneuerbare Energien fast die Hälfte, nämlich 47 Prozent, des deutschen Stroms erzeugen. Wind und Biomasse - ohne Importe - würden den Großteil des Stroms stellen, aber auch zehnmal mehr Photovoltaik als heute würde installiert sein.

Der RWE-Chef Jürgen Großmann hält solche Pläne für abwegig und realitätsfremd. "Bei den heutigen technischen Gegebenheiten gibt es eine natürliche Grenze bei den Erneuerbaren Energien", hält er im Interview mit der Süddeutschen Zeitung dagegen. Selbst die Vorstellung, im Jahr 2030 mit Erneuerbaren Energien 35 Prozent des Strombedarfs zu decken, sei nicht umsetzbar. Denn das setze voraus, "dass es zusätzliche Stromleitungen in erheblichem Umfang und auch Stromspeicher einer neuen Dimension gibt. Wir brauchen dann ganz andere Möglichkeiten zur Bevorratung von Elektrizität. Das sehe ich derzeit nicht."

Allerdings muss man die Prognosekraft von RWE, was Erneuerbare Energien angeht, nicht überbewerten. So hatte Greenpeace 1991 im damals revolutionär erscheinenden Ökoszenario berechnet, dass die Windkraft bis zum Jahr 2005 etwa 30 Milliarden Kilowattstunden und damit fünf Prozent des pro Jahr in Deutschland verbrauchten Stroms erzeugen könnte. RWE hielt auch damals dagegen: Im Jahr 2005 könnten es allenfalls zwei Prozent sein. Tatsächlich brachte es die Windenergie im Jahr 2006 auf 30,5 Milliarden Kilowattstunden und damit sogar auf etwas mehr als fünf Prozent.

Und dennoch: Großmann benennt eine Schwachstelle. Ohne einen erheblichen und zügigen Ausbau des Stromnetzes und eine Reaktion auf den nicht kontinuierlich anfallenden Wind- oder Sonnenstrom wird der Sprung ins Solarzeitalter nicht gelingen. Wer den dezentralen Erzeugungsformen zum Durchbruch verhelfen will, der muss jetzt den Umstieg auf ein intelligentes Netz organisieren. »Smart Grid« ist hier das Schlüsselwort. Es geht um die intelligente Abstimmung von dezentralen Stromerzeugern und Verbrauchern, die am gemeinsamen Netz angeschlossen sind. So kann gelingen, dass dann am meisten Strom verbraucht wird, wenn der Wind am heftigsten bläst. Das Netz sendet bei heftigem Wind automatisch ein Signal an den Kunden: Jetzt ist der Strom kostengünstiger. Und automatisch springt ein Teil der Geräte an, bei denen es unerheblich ist, wann diese innerhalb der nächsten Stunden laufen. Wenn sich aber eine Flaute ankündigt, erhalten die Biomasse-Kraftwerke im Netz das Signal: Jetzt lohnt es sich besonders, den Strom einzuspeisen. Kühlhäuser, die ohne Temperaturabfall für zwei, drei Stunden die Kühlung abschalten können, erhalten das Signal: Jetzt könnt ihr viel Geld sparen. Letztlich kann so wesentlich kostengünstiger als allein über Speichersysteme auf die Fluktuationen reagiert werden, die durch Erneuerbare Energien ins Netz hereinkommen.

National und international laufen Vorbereitungen für den Einsatz der Smart-Grid-Technologie. In Deutschland gab es eine Vielzahl von Pilotprojekten. Ab 2010 müssen hier bei Neubauten sowie bei Sanierungen intelligente Zähler eingebaut werden. Die EU legte im Januar ein "Green Paper" vor, das letztlich dazu führen soll, die Stromnetze in der EU fit für die Zukunft mit Erneuerbaren Energien zu machen. In den USA ist der Ausbau des Stromnetzes in Richtung mehr Intelligenz Teil des Konjunkturpakets. Hier ist die IT-Industrie gefragt, dem intelligenten Netz mit seiner Technik zur Umsetzung zu verhelfen und somit Erneuerbare Energien im großen Stil zu ermöglichen.

Christoph Bals

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