Klimaschutz mit Rückgrat und Weitsicht

Weitblick Artikel

Klimaschutz mit Rückgrat und Weitsicht

Ein Betroffener nimmt sein Schicksal in die Hand
Der Fall Huaraz: Saúl gegen RWE. Gletschereis schmilzt. Verantwortung wächst.

   
Mitte März dieses Jahres hat der peruanische Kleinbauer und Bergführer Saúl Luciano Lliuya ein Anforderungsschreiben an den deutschen Energiekonzern RWE geschickt, um sich und seine Stadt Huaraz gegen das massiv gestiegene Risiko einer Wasserflut aus dem Gletschersee Palcacocha zu schützen. Durch die klimabedingte Gletscherschmelze droht der Damm zu bersten, eine meterhohe Flutwelle würde sich ins Tal hinabwälzen und die Stadt begraben. Ungefähr 10- bis 20.000 Menschen sind bedroht. RWE allein hat seit Bestehen ein halbes Prozent zum globalen Klimawandel beigetragen, RWE soll ein halbes Prozent der notwendigen Schutzmaßnahmen bezahlen. Nachdem RWE ihm Anfang Mai mitteilte, keine juristische Anspruchsgrundlage für seine Forderung zu sehen, prüft Saúl Luciano eine zivilrechtliche Klage gegen den Konzern.

In ganz Lateinamerika berichten bedeutende Zeitungen und Fernsehsender über den Vorstoß des Peruaners. Der Guardian und die Süddeutsche Zeitung brachten große Artikel. Ein erfolgreicher Präzedenzfall vor Gericht käme einem Triumph von David über Goliath gleich. Schon jetzt gehen von diesem mutigen Schritt wichtige Signale aus in Richtung Paris, wo Ende dieses Jahres die entscheidende Weltklimakonferenz stattfindet. Müssen immer mehr Betroffene ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen oder gelingt es, ein umfassendes globales Klimaabkommen zu verabschieden?

Besuch vor Ort

Schon nach dem Klimagipfel in Lima Ende 2014 hatten sich Germanwatch-MitarbeiterInnen vor Ort mit Saúl Luciano getroffen. Im März war ich dann mit meiner Familie in den Hochanden der Cordillera Blanca und habe ihn und seine Familie in Huaraz besucht. Wir werden die intensiven Begegnungen so schnell nicht vergessen; auch nicht die lange, für uns an die Grenzen gehende, siebenstündige Wanderung zum Gletschersee Palcacocha auf 4.800 Meter Höhe.

Saúl Luciano beobachtet als Bergführer sehr genau seine ökologische Mitwelt und ihre zum Teil rapiden und sichtbaren Veränderungen. Die Cordillera Blanca – „die weiße Gebirgskette“ – hat ihren Namen von den vielen Gletschern. Doch seit 1970 ist bereits mehr als ein Drittel der Eisdecke abgeschmolzen. Die weltweit führende wissenschaftliche Autorität in Klimafragen, der Weltklimarat IPCC, sieht eine klare Verbindung zwischen menschgemachtem Klimawandel und der Gletscherschmelze in den Anden.

Mich beeindruckt dieser mutige Peruaner sehr. Seine Ruhe und Nachdenklichkeit, sein Weitblick, seine Entschiedenheit und Klarheit. Dass er derjenige war, der gemeinsam mit seinem Umfeld von aufrechten und engagierten Menschen die Entschlossenheit zum Handeln hatte, ist ein Glücksfall für die Erfolgsaussichten des Anliegens – nämlich dazu beizutragen, den Einwohnern von Huaraz eine konkrete Bedrohung durch Auswirkungen des menschengemachten Klimawandels zu nehmen. Saúl hat Germanwatch um Unterstützugn gebeten – das bedeutet ein hohes Maß an Verantwortung für uns.

Die lokale Dimension

Der Vorstoß von Saúl Luciano hat vor Ort erwartungs-, aber auch sorgenvolle Debatten ausgelöst. Saúl Luciano drängt – neben der Prüfung einer Klage gegen RWE – auf kurzfristige Maßnahmen für ein funktionierendes Frühwarnsystem und Evakuierungspläne für das bedrohte Gebiet. Er fragt nicht nur nach den Verursachern des Klimawandels, sondern auch nach der Verantwortung der Politiker und Autoritäten in der Region. Er hakt nach, was mit Geld aus dem Ausland vor Ort zum wirksamen Schutz getan würde, sofern RWE zahlen müsste.

Er diskutiert mit uns, wer welche Akzente für Bewusstseinsbildung vor Ort setzen kann. Dies sei unabdingbar, um Vertrauen aufzubauen. Er drängt darauf, dass die betroffenen Menschen in Huaraz über Schutzmaßnahmen und Geldverwendung mitbestimmen können.

Nach dem persönlichen Treffen ist es nun sehr hilfreich für den Fortschritt in der Sache, dass wir mit ihm in einem engen und kontinuierlichen Austausch stehen. Nur so können wir die lokalen Debatten verstehen und mit ihm sowie den örtlichen Instanzen die wirksamsten Schritte zum Schutz vor einer Katastrophe erörtern.
 

Klaus Milke

Weitere Infos:
www.germanwatch.org/de/der-fall-huaraz

Die Besuchsgruppe mit peruanischen Bergführern auf ihrem Weg zum Gletschersee Palcacocha.

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