Klar zur globalen Energiewende!

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Klar zur globalen Energiewende!

Der G7-Gipfel in Deutschland muss deutliche Signale setzen
Karikatur: Frau Merkel und der G7-Gipfel

© Michael Hüter

  
2015 kann zum Wendepunkt für den globalen Klimaschutz werden. Schon seit 2012 steigen die globalen Emissionen langsamer, im Jahr 2014 sind zumindest die energiebedingten Emissionen nach den vorläufigen Zahlen der Internationalen Energieagentur IEA gar nicht mehr gestiegen. Und das erstmals in einem Jahr ohne globale Wirtschaftskrise. China, das in den letzten 15 Jahren den Emissionstrend der Welt maßgeblich beeinflusste, verbrannte im letzten Jahr erstmals weniger Kohle als im Vorjahr. Wind und Sonne werden derzeit in vielen Teilen der Welt im direkten Vergleich mit Kohlestrom wettbewerbsfähig. Entsprechend steigen die Investitionen in Erneuerbare Energien weltweit stark an. Im Jahr 2013 war global gegenüber 2007 bereits das Fünfzehnfache an Photovoltaik installiert. Der Klimagipfel von Paris im Dezember kann aus diesen Anzeichen einen formidablen Trend machen und ihn beschleunigen. Und der G7-Gipfel im Juni auf Schloss Elmau kann schon in wenigen Tagen zeigen, ob die reichsten und mächtigsten Industrieländer sich in diese Richtung bewegen.

Ein Großexperiment mit der Menschheit verhindern

Die Zeit drängt, um einen Klimawandel in unbewältigbarem Ausmaß noch zu vermeiden. Beim G8-Gipfel in Heiligendamm im Jahr 2007 hatte Kanzlerin Merkel dem damaligen US-Präsidenten Bush die Zustimmung zum Zwei-Grad-Limit abgerungen. Um mehr dürfe die globale Durchschnittstemperatur gegenüber dem Beginn der Industrialisierung nicht steigen. Bei den Klimagipfeln in Kopenhagen 2009 und in Cancún 2010 hat die gesamte Staatengemeinschaft diese Obergrenze zur Gefahrenabwehr anerkannt. Viele der am stärksten betroffenen Staaten fordern aus gutem Grund sogar eine Obergrenze von 1,5 Grad. Doch bislang steuert die Welt auf eine deutlich stärkere Erwärmung zu.

Bei einem globalen Temperaturanstieg um mehr als etwa zwei Grad katapultiert sich die Menschheit aus der extrem stabilen Klimaperiode der letzten 10.000 Jahre, dem Holozän. Das stabile Klima dieses Erdzeitalters ermöglichte den Übergang zur Landwirtschaft und die Entwicklung aller menschlichen Hochkulturen. Eine stärkere Erwärmung kommt einem unkontrollierten Großexperiment mit der Menschheit gleich – mit unabsehbaren Folgen.

Soll ein Zwei-Grad-Pfad noch erreicht werden, bedarf es nicht nur eines wirksamen Abkommens in Paris, sondern vielfältiger Entscheidungen auf verschiedenen Ebenen – etwa gegen fossile Subventionen und für klare Rahmensetzungen insbesondere für Energieeffizienz und Erneuerbare Energien. Weltbank und Entwicklungsbanken sind hier ebenso in der Pflicht wie Exportkredit- und Ratingagenturen. Eine quicklebendige Zivilgesellschaft voller Ideen, Schwung und Rückgrat ist unerlässlich. In den nächsten Jahren muss die Kehrtwende gelingen, vom bisherigen Anstieg der globalen Emissionen hin zu ihrer regelmäßigen und deutlichen Verringerung.

Dass dies aber nicht durch schön klingende Ankündigungen zu erreichen ist, hat der letzte Bericht des Weltklimarats IPCC vorgerechnet. Die globalen Treibhausgasemissionen müssen vor Ende des Jahrhunderts auf null sinken, die Emissionen von Kohlendioxid noch früher. Der Ausstieg aus den fossilen Energien im Stromsektor muss schon bis Mitte des Jahrhunderts gelingen. Insbesondere durch die massiv verbesserte Wettbewerbsfähigkeit der Erneuerbaren Energien sind die Chancen dafür deutlich gestiegen – aber insgesamt immer noch bescheiden. Um diese Chancen zu nutzen, bedarf es nun des ernsthaften politischen Willens.

Klimapolitische Erwartungen an den G7-Gipfel

Macht der G7-Gipfel den Weg frei, damit in Paris der Ausstieg aus den fossilen Energien bis Mitte des Jahrhunderts angekündigt werden kann? Dieses Signal entscheidet maßgeblich über den klimapolitischen Erfolg des G7-Gipfels. Untermauert werden sollte es durch konkrete Initiativen, die den beschleunigten Umstieg auf Erneuerbare Energien in Entwicklungsländern unterstützen.

Ein zweites Signal ist für die Vertrauensbildung zentral: Die G7-Staaten sollten sich zu ihrer Verantwortung bekennen, die Fähigkeit der ärmsten Entwicklungsländer und der besonders verletzlichen Bevölkerungsgruppen zu stärken, die Auswirkungen des Klimawandels zu bewältigen –
von der Risikominimierung bis zur Bewälti-gung von dennoch auftretenden Schäden. Die geplante G7-Initiative für Klimaversicherung von verletzlichen Staaten und Menschen kann bei guter Ausgestaltung die Glaubwürdigkeit dieses Signals untermauern.

Als drittes Signal erwarten die Entwicklungsländer einen klaren Plan dafür, wie die Finanzzusagen eingehalten werden. In Kopenhagen hatten die Industrieländer 2009 zugesagt, dass bis 2020 die zusätzlich mobilisierten öffentlichen und privaten Gelder für Klimaschutz und -anpassung in Entwicklungsländern auf 100 Milliarden US-Dollar jährlich anwachsen sollen. Doch nicht nur die Klimafinanzierung, sondern alle globalen Investitionsflüsse müssen sich am Zwei-Grad-Limit ausrichten, wenn es eingehalten werden soll. Die Entwicklungsbanken der G7-Länder sind hier ganz besonders in der Pflicht, alle ihre mit Steuergeldern unterstützten Investitionen auch am Zwei-Grad-Limit zu orientieren. Durch diese drei Signale kann die G7 Schwung für einen erfolgreichen Klimagipfel in Paris erzeugen.

Glaubwürdig kann Deutschland aber eine klimapolitische Führungsrolle bei der G7 nur einnehmen, wenn es zugleich die notwendigen Maßnahmen umsetzt, damit das deutsche Klimaziel – 40 Prozent weniger Emissionen bis 2020 – nicht kippt. Das bedeutet insbesondere, die zugesagten Instrumente für weniger Kohlestrom und mehr Energieeffizienz durchzusetzen.
 

Christoph Bals & Lutz Weischer