„Weit mehr als ein nichtiger Tropfen auf dem heißen Stein“

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„Weit mehr als ein nichtiger Tropfen auf dem heißen Stein“

Interview mit Antje Brock und Julius Grund vom Institut Futur der Freien Universität Berlin
Portraitfotos Antje Brock und Julius Grund

Am Institut Futur in Berlin betreiben Sie „Erziehungswissenschaftliche Zukunftsforschung“. Was bedeutet das?

Wir betrachten, wie sich Bildungsprozesse und gegenwärtige sowie zukünftige gesellschaftliche Entwicklungen wechselseitig beeinflussen. Außerdem erforschen wir, welche Kompetenzen Menschen brauchen, um die Welt in eine für sie wünschenswerte Richtung zu gestalten.

Viele Bildungsakteure fragen sich, warum wir – obwohl wir immer mehr über die Klimakrise und den zunehmenden Artenverlust wissen – unser Verhalten oft nicht ändern. Worin sehen Sie wichtige Gründe dafür?

Man ging recht lange davon aus, dass es reicht, Menschen zu informieren, damit sie ihr Verhalten ändern. Mittlerweile setzt sich jedoch auch über die wissenschaftlichen Diskurse hinaus die Erkenntnis durch, dass sich viele Menschen häufig entgegen ihres Wissens und ihrer Einstellung un-nachhaltig verhalten. Einer der Gründe dafür: Wir müssen auf Probleme reagieren, die wir meist sinnlich nicht unmittelbar erfahren. Beispielsweise bekommt man bei der Wahl zwischen verschiedenen Verkehrsmitteln oder beim Einkauf kein emotionales Feedback dazu, welche Missstände in der Wertschöpfungskette verborgen sind und inwiefern man an der Ausbeutung von Mensch und Umwelt beteiligt ist. Es entsteht also eine gefühlsmäßige Entfremdung von den systemischen Zusammenhängen.

Unsere Forschung verweist zusätzlich darauf, dass sich die meisten Menschen nachhaltige Zukünfte wünschen, diese aber für sehr unwahrscheinlich halten. In diesem Zukunftspessimismus sehen wir eine weitere Hürde, die einem stärkeren Einsatz für Nachhaltigkeit im Weg steht.

Sie sprechen davon, dass in der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) eine Passung von angebotenen Handlungsmöglichkeiten zur wahrgenommenen Problemgröße gegeben sein sollte. Was genau heißt das?

Globale Nachhaltigkeitsherausforderungen sind aufgrund ihrer Größe und Komplexität weder von einzelnen Menschen noch von einzelnen Nationen allein zu bewältigen, sondern benötigen bekanntermaßen globale Kooperation. Sich als Individuum diesen riesigen Problemen ausgesetzt zu sehen, kann daher schnell zu Überforderung und Hoffnungslosigkeit führen und dadurch in Passivität, Zynismus oder Verdrängung münden. Daher ist es entscheidend, dass proportional zur Pro- blemgröße auch Möglichkeiten geboten werden, die Problemursachen wirksam bearbeiten zu können, sodass sich die eigenen Handlungen nach weit mehr als einem nichtigen Tropfen auf dem heißen Stein anfühlen.

Erfahrungen, selbst wirksam zu sein, liegen zunächst auf der individuellen Ebene, wenn ich z. B. entscheide, einen Beruf zu ergreifen, der die gesellschaftliche Nachhaltigkeitstransformation effektiv befördert. Vor allem aber in kollektivem Handeln wie etwa politischem und zivilgesellschaftlichem Engagement. Gemeinsam lässt sich nicht nur mehr gesellschaftlich gestalten, sondern das soziale Eingebundensein wirkt sich zusätzlich motivierend, erfüllend und sinnstiftend auf den Einzelnen aus.

Was sind weitere Faktoren, durch die BNE dazu beitragen kann, die Lücke zwischen erforderlichem Klimaschutz und tatsächlichem Handeln zu verkleinern?

Ein wichtiger Schlüssel, um die Wissens-Verhaltens- Lücke zu schließen liegt in Empathie. Durch dieses Hineinversetzen bewegen uns Probleme Anderer verstandes- aber vor allem auch gefühlsmäßig. Empathie wirkt so dem angesprochenen Problem der mangelnden sinnlichen Wahrnehmbarkeit von Nachhaltigkeitsproblemen entgegen und stärkt Solidarität und Verantwortungsbewusstsein.

Hinsichtlich eigener Handlungsmöglichkeiten junger Menschen kann der sog. gesamtinstitutionelle Ansatz viele Möglichkeiten bieten, Erfahrungen von Selbstwirksamkeit zu sammeln. BNE sollte daher in jedem Bildungssetting die Frage aufwerfen, an welchen Punkten die Bildungsinstitution selbst als Ort, Gebäude oder Verpflegungsanbieter sowie in ihrem weiteren Umfeld (Verband, Stadt, Kommune) effektive Stellschrauben bedienen kann, um die als Bildungsinhalt vermittelte Nachhaltigkeit auch selbst vorzuleben. Hier ist es besonders wirksam, Veränderungspotenziale partizipativ mit den Schüler*innen, Student*innen etc. zu erarbeiten und zu realisieren.
 

Interview: Marie Heitfeld

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