Industrielle Tierhaltung bedroht die Wirksamkeit von Antibiotika weltweit

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Industrielle Tierhaltung bedroht die Wirksamkeit von Antibiotika weltweit

Weitblick 3/2017 Rückgang Reserveantibiotika

Einsatz von Cephalosporinen der 3. und 4. Generation bei Schweinen und Rindern in Dänemark (Quelle: DANMAP, 2016)

 
Eine der großen Herausforderungen für das globale Nachhaltigkeitsziel (SDG) 3 zum Thema Gesundheit besteht in der zunehmenden Resistenz von Krankheitserregern gegen Antibiotika. Damit drohen einfache Infektionen wieder zu lebensbedrohlichen Krankheiten zu werden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) der Vereinten Nationen befürchtet, dass Infektionen bald Krebs als derzeit global häufigste Todesursache ablösen werden. Schon 2050 könnten über zehn Millionen Patienten jährlich sterben, weil Antibiotika nicht mehr wirken.

Da weltweit Tiere in landwirtschaftlicher Intensivhaltung etwa doppelt so viele Antibiotika erhalten wie Menschen, kommt der Tierhaltung große Bedeutung bei der Entstehung antibiotikaresistenter Keime zu. So sind zum Beispiel über 80 Prozent der schweinehaltenden Landwirte in Deutschland Träger von Antibiotikaresistenzen. Rund die Hälfte des Hähnchenfleisches in Deutschland ist mit resistenten Keimen kontaminiert. Die Resistenzen können sich auch durch den globalen Fleischhandel verbreiten.

Im Frühjahr 2017 hat die WHO die Liste der für den Menschen besonders wichtigen sogenannten Reserveantibiotika überarbeitet. Sie werden eingesetzt, wenn herkömmliche Antibiotika versagen, weil Keime Resistenzen entwickelt haben. Daher empfiehlt die WHO, dass diese Wirkstoffe in der Humanmedizin nur zurückhaltend und in der Tierhaltung möglichst gar nicht eingesetzt werden sollten. Denn auch für diese Antibiotika gilt, dass Resistenzen umso eher entstehen, je häufiger sie eingesetzt werden. Die Bundesregierung unterstützt zwar im Prinzip den WHO-Ansatz, doch stehen wirksame Regeln, die den Einsatz von Reserveantibiotika im Stall beschränken, noch aus.

Andere europäische Länder wie Dänemark und auch Bioanbauverbände sind da weiter und reglementieren generell den Antibiotikaeinsatz und speziell den von Reservewirkstoffen. In den Ländern des globalen Südens dominiert bisher die Tierhaltung in Hinterhöfen, nomadische Haltung und die extensive Geflügelhaltung. Antibiotika werden hier in der Tierhaltung wenig bis gar nicht eingesetzt. Aber gerade in Schwellenländern wie Brasilien, Indien, China und Südafrika ist die Industrialisierung der Tierhaltung in vollem Gang. Dort rechnet man mit einer Verdopplung des Antibiotikaeinsatzes bis 2030. Daher wird erwartet, dass der Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung weltweit von derzeit 63.000 Tonnen pro Jahr auf 105.000 Tonnen ansteigt, wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden. In den meisten Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen sind Antibiotika frei verkäuflich und unterliegen nicht der Verschreibungspflicht durch Tierärzte.

Um Antibiotikaresistenzen aus der Landwirtschaft wirkungsvoll zu bekämpfen, muss der Trend zu zunehmend großindustrieller Tierhaltung umgekehrt werden zugunsten einer antibiotikaarmen Tierhaltung in bäuerlichökologischeren Betrieben. Fleisch und Fisch, die mit antibiotikaresistenten Erregern belastet sind, sollten nicht mehr international gehandelt werden dürfen, um die globale Verschleppung und Ausbreitung der gefährlichen Keime zu bremsen. Deutschland und die EU müssen hier mit wirksamen Regeln gegen den Einsatz von Reserveantibiotika und den Export belasteter Lebensmittel vorangehen.
 

Reinhild Benning & Tobias Reichert

Einsatz von Cephalosporinen der 3. und 4. Generation bei Schweinen und Rindern in Dänemark (Quelle: DANMAP, 2016)

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