Hähnchenfleisch: Gefahr für die Gesundheit

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Hähnchenfleisch: Gefahr für die Gesundheit

Antibiotikaresistente Bakterien auf mehr als der Hälfte aller Billig-Hähnchen entdeckt
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Die meisten Hähnchen in Deutschland werden auf sehr engem Raum zusammen mit Tausenden anderen Hähnchen gehalten. Bis zu 23 Tiere müssen auf einer Fläche leben, die etwa so groß ist wie eine Duschwanne. Sie verletzen sich oft gegenseitig und viele werden krank. Da Krankheiten oft durch Bakterien entstehen, werden die Tiere mit Antibiotika behandelt. Diese Medikamente sollen krankmachende Bakterien abtöten. Das Problem ist, dass sich die Bakterien ständig verändern und bei Antibiotikaeinsatz gegen diese unempfindlich werden können. Dann spricht man von antibiotikaresistenten Erregern. Je öfter Antibiotika verwendet werden, desto schneller verbreiten sich die resistenten Bakterien. Wenn wir an solchen resistenten Keimen erkranken, helfen die entsprechenden Antibiotika nicht mehr. Dann braucht man Notfall-Antibiotika. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, dass die Notfall-Antibiotika möglichst selten angewendet werden. Sie sollen in „Reserve“ bleiben, damit Bakterien nicht auch gegen sie resistent werden.

In Hähnchenställen werden die Tiere oft mit Antibiotika behandelt. Germanwatch wollte deshalb wissen, ob resistente Bakterien auf dem verkauften Hähnchenfleisch sind. Dazu wurde in Märkten der Discountketten Aldi, Lidl, Penny, Netto und Real in verschiedenen deutschen Städten Hähnchenfleisch gekauft, das für wenig Geld angeboten wird. Das Fleisch wurde dann in einem Labor auf antibiotikaresistente Bakterien getestet. Die Ergebnisse sind alarmierend: Auf mehr als der Hälfte des untersuchten Fleischs fand das Labor antibiotikaresistente Bakterien. Auf einem Fünftel der Fleischproben gab es sogar Bakterien, die gegen drei verschiedene Antibiotika resistent sind. In jeder der Supermarktketten gab es mit resistenten Bakterien belastetes Fleisch. Das untersuchte Fleisch stammte aus den vier größten Schlachtunternehmen in Deutschland: Wiesenhof, Rothkötter, Plukon und Sprehe. Keines hat durchweg Fleisch angeboten, bei dem diese gefährlichen Resistenzen gar nicht gefunden wurden.

Die Untersuchung von Germanwatch zeigt, dass die industrielle Hähnchenmast zu viele Antibiotika einsetzt. Das führt zu den vielen resistenten Krankheitserregern. Besonders schlimm ist, dass auf etwa einem Drittel des untersuchten Fleischs Bakterien waren, die sogar gegen Notfall-Antibiotika resistent waren. Gelangen diese speziellen Resistenzen vom Fleisch in den Körper von Menschen, dann können überlebenswichtige Medikamente unwirksam werden. Wunden und Krankheiten lassen sich dann manchmal auch bei Menschen nicht mehr heilen.

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Damit das nicht passiert, fordert Germanwatch, die Tierhaltung und besonders die Hähnchenmast grundlegend zu verändern. Zunächst müssen die für den Menschen besonders wichtigen Reserve-Antibiotika in der Tierhaltung verboten werden. Auch alle anderen Arten von Antibiotika dürfen nur noch eingesetzt werden, wenn ein Tierarzt festgestellt hat, dass sie gegen die Krankheit tatsächlich wirken. Staatliche Behörden müssen diese Regeln regelmäßig überprüfen. Damit die Tiere seltener krank werden,brauchen sie rund doppelt so viel Platz wie sie jetzt haben. Sie brauchen Frischluft und frische Einstreu, in der sie scharren und picken können.

Das deutsche Landwirtschaftsministerium nimmt die Untersuchung von Germanwatch ernst. Es sieht sie als Hinweis, dass die Hähnchenmäster und die Schlachthöfe so arbeiten, dass es massenhaft Resistenzen auf Fleisch gibt. Obwohl sie angeben, sich an die Gesetze zu halten. Das Ministerium will die Gesetze neu bewerten, die den Einsatz der Antibiotika bei Tieren regeln. Wenn nötig, sollen die Gesetze strenger werden.

Germanwatch wird weiter darauf drängen, dass Tiere so gut und gesund gehalten werden, dass sie viel weniger Antibiotika brauchen. Die vielen Milliarden Euro, die jedes Jahr für die Europäische Agrarpolitik ausgegeben werden, können dabei helfen. Dazu muss ein größerer Teil davon an Bauern und Bäuerinnen gehen, die ihre Tiere besser halten wollen.

Reinhild Benning & Tobias Reichert

Zur Untersuchung: www.germanwatch.org/de/16426