Blogpost | 22.12.2017

Friedensdividende Dekarbonisierung - Chancen der Energiewende für Rohstoffe, Klimawandel und bewaffnete Konflikte

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Blog-Beitrag von Stefan Rostock und Nico Beckert, Dezember 2017

Zoff um Stoff oder Frieden durch die Energiewende? Diese Frage stand am 16.12.2017 im Mittelpunkt des 1. Wasserburger Rohstofftags im Haus Wasserburg in Vallendar, der in Kooperation mit Germanwatch und vielen lokalen Initiativen veranstaltet worden ist. Clemens Ronnefeldt (Internationaler Versöhnungsbund) und Christoph Bals (Germanwatch) diskutierten über Rohstoffkonflikte, Strategien des Wandels, konkrete Maßnahmen zur Umsetzung der Energiewende und zur Abmilderung der Klimakrise.
 

Der Nahe Osten – Jahrzehnte voller Rohstoffkonflikte

Clemens Ronnefeldt, Nahost-Experte und Friedensaktivist, verdeutlichte, dass sich Kriege um Rohstoffe wie ein roter Faden durch die Geschichte im 20. Jahrhundert des Nahen Ostens ziehen. Auch der seit sieben Jahren andauernde Syrien-Krieg wird laut Ronnefeldt durch den Streit um den Verlauf und die Kontrolle einer Gas-Pipeline befeuert.

Christoph Bals ergänzte den Eingangsvortrag Ronnefeldts um die Klimaperspektive. Es sei wissenschaftlich belegt, dass die Folgen des Klimawandels wie Dürren als Risikoverstärker von bewaffneten Konflikten in Staaten wirken, die durch ethnische Zerklüftung (oder auch - in geringerem Ausmaß - soziale Zerklüftung) gekennzeichnet sind. So auch in Syrien. Unmittelbar vor Ausbruch des Krieges durchlebten die Syrer die längste (seit 900 Jahren) und stärkste (seit 500 Jahren) Dürreperiode. Der Klimawandel birgt also ein immenses Konfliktrisiko.

Herausforderungen und Lösungsansätze

„Zur Überwindung solcher Krisen“, betonte Bals „brauchen wir eine Kombination aus individuellem Engagement und gesellschaftlichem Wandel“. Es sei wichtig, dass jeder seinen eigenen ökologischen Fußabdruck reduziere. Ebenso wichtig sei es jedoch, dass wir uns gemeinsam für den gesellschaftlichen Wandel stark machen und den Handabdruck des eigenen politischen Engagements erhöhen (s. hier). Jeder kann dazu beitragen, dass dort, wo er aktiv ist Strukturen hin zu mehr Nachhaltigkeit verändert werden. Bals ermutigte die Anwesenden mit dem Beispiel des peruanischen Bergbauern Saúl Luciano Lliuya (Details). „Die Erfolge Lliuyas zeigen, dass die Ausrede „Das klappt eh nicht“ nicht mehr gilt“, so Bals. Dies sei auch ein gutes Beispiel, dass wir transformative Veränderungen, die wir in allen gesellschaftlichen Teilsystemen brauchen, hier im Rechtssystem erleben.

Mit Ökostrom, Carsharing, Nutzung des Öffentlichen Nahverkehrs, weniger Fleischverzehr, nachhaltiger Wohnen und dem Wechsel zu einer ethischen Bank nannte Ronnefeldt konkrete Beispiele, wie sich jeder individuell am ökologischen Wandel beteiligen kann.

Das Weniger sozialverträglich gestalten

„Nicht vom Öl zum Lithium, sondern zu einem geringeren Rohstoffverbrauch“, so Christoph Bals. Bals zufolge müsse man den Rohstoffbedarf generell mindern, damit wir nicht vom Krieg um Öl zum Krieg um andere Rohstoffe kommen. Er forderte ein Umdenken in der Wachstumsfixierung und hin zu einer gemeinwohlorientierten Wirtschaft. Es bedürfe technischer Innovationen und wirtschaftlicher Anreize wie beispielsweise eines CO2-Preises, um konfliktträchtige und unter menschenrechtlich fragwürdigen Bedingungen abgebaute Rohstoffe aus dem Markt zu drängen. Gleichzeitig müssen wir Herausforderungen für Staaten, deren gesamter Haushalt von fossilen Energien abhängt (Russland, Saudi Arabien, u.a.) im Blick haben, um hier Lösungen mit zu entwickeln.

Wandel von unten und oben notwendig

Um diesen Herausforderungen beizukommen, braucht es laut Bals Initiativen von Individuen und der Zivilgesellschaft. Diese müssen von den politischen Entscheidungsträgern als praktikable Alternativen wahrgenommen und politisch institutionalisiert werden. Clemens Ronnefeldt schloss die Diskussion im Haus Wasserburg mit dem Appell, dass wir den Tisch des nachhaltigen Wohlstands länger machen müssten, statt die Zäune zu erhöhen.


Nico Beckert arbeitet in Haus Wasserburg im Team “Bildung für nachhaltige Entwicklung” als Fachpromotor für Rohstoffe und Rohstoffpolitik. Weitere Informationen: http://www.haus-wasserburg.de/kontakt/mitarbeiter.innen/nico-beckert.html

Stefan Rostock, Moderator der Veranstaltung, ist Teamleiter Bildung für nachhaltige Entwicklung und NRW-Fachpromotor Klima und Entwicklung bei Germanwatch e.V. https://germanwatch.org/de/users/stefanrostock

AutorInnen

Echter Name

Teamleiter Bildung für nachhaltige Entwicklung, NRW-Fachpromotor für Klima & Entwicklung
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