Interview

„Um Klimaneutralität zu erreichen, darf der Verkehr nicht vernachlässigt werden“

verschiedene Zugschienen, die miteinander verbunden sind

Das European Year of Rail 2021 soll den Fokus im Verkehrssektor von Straße und Luft weglenken und verstärkt auf den Schienenverkehr richten.

Das von der Europäischen Kommission initiierte European Year of Rail 2021 soll das Image der Eisenbahn verbessern. Im Interview spricht Dr. Manfred Treber, unser Klima- und Verkehrsreferent, mit Jasmin Cool über seine Erwartungen an die deutsche und europäische Schienenpolitik.

Jasmin Cool: Wie denkst Du über die Initiative des European Year of Rail 2021?

Manfred Treber: Diese Initiative kommt genau richtig. Um die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen, brauchen wir dringend eine Verkehrswende. Da die Bahn der klimafreundlichste Massenverkehrsträger ist, kann man mit der Initiative ein Signal setzen. Wir machen uns gemeinsam mit anderen europäischen Partnerorganisationen für mehr internationale Zugverbindungen und Nachtzüge stark.

Cool: Welche Rolle spielt der Schienenverkehr bei dem Ziel der EU-Kommission bis 2050 klimaneutral zu sein?

Treber: Der Verkehrssektor macht rund zwanzig Prozent der Treibhausgasemissionen aus, besonders verursacht von Straßen- und Flugverkehr. Um Klimaneutralität zu erreichen, müssen diese Emissionen drastisch sinken. Bis jetzt wurden sie gegenüber 1990 praktisch nicht vermindert, sie sind also weit entfernt vom Pfad, der das 1,5 Grad- Ziel erreicht. Die Verlagerung des europäischen Verkehrs von Straße und Luft auf Schiene ist ein Ansatz.

Cool: Wie attraktiv ist Zugfahren aktuell für die Deutschen?

Treber: Bei der Entscheidung zur Fernreise mit dem Zug ist für Konsument_innen der Preis am wichtigsten. Dieser ist gefühlt zu hoch, obwohl Bund und Städte bereits Anteile übernehmen. Der Bund muss sich für Preissenkungen, Angebotsverbesserung, Streckenausbau und -reaktivierung einsetzen. Für internationale Reisen gibt es bisher außerdem zu wenige Verbindungen und Buchungsschwierigkeiten.

Cool: Ist der Schienenverkehr in Europa eine Alternative zum Flugverkehr?

Treber: Auf vielen Strecken, wie Frankfurt-Paris, ist die Bahn eine Alternative. Fehlende grenzüberschreitende Bahnverbindungen können durch die Schließung von Infrastrukturlücken und weitere direkte Tag- und Nachtzugverbindungen geschaff en werden. Am 8. Dezember hat das Bundesverkehrsministeriums neue Nachtzugverbindungen ab Dezember 2021 angekündigt, Tagzugverbindungen jedoch nicht. Zwei Drittel der Europäer_innen unterstützen außerdem sogar ein Flugverbot für Strecken, die in zwölf Stunden Bahnfahrt bewältigt werden können.1 Klar ist: Der Schienenverkehr braucht Investitionen und klimagerechte Besteuerung seiner Wettbewerber: Kerosinsteuer, Maut, Abschaff ung der Pendlerpauschale.

Cool: Welche europäischen Länder handeln beispielhaft ?

Treber: Die Schweiz ist durch hohe Investitionen Vorreiterin, Spanien durch den EU-finanzierten Ausbau der Hochgeschwindigkeitsstrecken. 2 Im Zuge der Initiative soll das Image der Eisenbahn aufgewertet und ihre Attraktivität gesteigert werden. Dazu kann auch das Konzept TransEuropExpress 2.0 (TEE 2.0) des Bundesverkehrsministeriums beitragen, mit dessen Linien jeweils mindestens drei EULänder mit täglich verkehrenden Hochgeschwindigkeitsund Nachtzügen verbunden werden sollen. Ich habe hier einen weiteren Streckenvorschlag eingebracht, der gute Aussichten hat. Das Konzept kann neue Perspektiven für den europäischen Tourismus eröff nen sowie Alternativen zum Flugzeug schaff en. Ideal wäre ein Vorlaufbetrieb des TEE 2.0 und ein europäisches Buchungssystem zum Ende des European Year of Rail im Dezember 2021 als Aufbruchssignal für einen neuen grenzüberschreitenden Schienenverkehr.


Dieses Interview wurde zuerst im Germanwatch Mitgliedsmagazin EINBLICK 2020|4 veröffentlicht.

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