Blogpost | 03.06.2016

Erneuerbare Energien stellen weltweit Rekorde auf – Globaler Süden auf Überholspur, Europa verschläft Chancen

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Blog-Beitrag von Boris Schinke (Germanwatch), Joachim Fünfgelt (Brot für die Welt) und Oldag Caspar (Germanwatch), Juni 2016

Armut, Minderung von Katastrophenrisiken, Entwicklungsfinanzierung und Klima – 2015 war das Jahr der Gipfelkonferenzen. Und es war ein Rekordjahr für Erneuerbare Energien. Zu diesem Ergebnis kommt der Bericht „Renewables 2016 - Global Status Report“ von REN21, einem globalen Expertennetzwerk, das zu Erneuerbaren Energien arbeitet.

Mehr Kapazitäten, mehr Investitionen, mehr Jobs

Etwa 147 Gigawatt (GW) Kapazität aus Erneuerbaren Energien wurden im Jahr 2015 neu installiert und decken mittlerweile 19 Prozent des globalen Energieverbrauchs. Einen solchen Anstieg innerhalb eines Jahres gab es noch nie. Der weltweit größte Zuwachs an Kapazität wurde dabei mit Windenergie erreicht (63 GW), gefolgt von Photovoltaik (50 GW) und Wasserkraft (28 GW).

Mit 330 Milliarden Dollar erreichten auch die Investitionen in Erneuerbare Energien in den Bereichen Transport, Strom und Wärme einen neuen Rekordwert. Allein im Strombereich wurde im vergangenen Jahr doppelt so viel in Solar-, Wind- und Wasserkraft investiert (etwa 265 Milliarden US-Dollar) wie in neue Kohle- und Gaskraftwerke zusammen (etwa 130 Milliarden US-Dollar).

Auch auf dem Arbeitsmarkt zeigt sich eine positive Entwicklung. Mehr als 8 Millionen Menschen arbeiten mittlerweile weltweit in der Erneuerbaren Branche. Besonders bemerkenswert daran: Im Vergleich zum übrigen Energiesektor war der Arbeitsplatzzugewinn im Erneuerbaren Sektor (5 Prozent) um ein Vielfaches stärker und hat bereits vielerorts den fossilen Sektor auch in absoluten Zahlen überholt. Zu den Ländern mit den meisten Arbeitsplätzen im Bau und Betrieb Erneuerbarer Energien gehören China mit 3,5 Millionen Arbeitsplätzen, Brasilien mit 900.000 und die USA mit 770.000. Leider war der Trend in Deutschland gegenläufig: von noch 370.000 in 2014 sank die Anzahl Beschäftigter auf 355.000 in 2015.

Globaler Süden geht voran

Auch wenn aufgrund mangelnder politischer Aufmerksamkeit im Verkehrs-, und vor allem im Wärme- und Kältesektor nur langsame Fortschritte verzeichnet werden, so nimmt die globale Energiewende zunehmend Fahrt auf. Allerdings mit geografischen Unterschieden. Europa ist die einzige Weltregion, in der die Investitionen in Erneuerbare Energien im vergangenen Jahr deutlich gesunken sind, bedingt durch die Wirtschaftskrise und mangelnde politische Ambition. Besonders drastisch ist der Einbruch um 46% in Deutschland, dem vormals größten Markt für Erneuerbare Energien. In den USA hingegen war ein kräftiges Wachstum zu verzeichnen und in Japan blieben die Investitionen stabil. Der Globale Süden hingegen befindet sich auf der Überholspur. Zum ersten Mal waren die Investitionen in Erneuerbare Energien dort höher als in den Industrieländern. Alleine China konnte rund 36 Prozent aller globalen Investitionen in Erneuerbare Energien auf sich vereinen.

Aus entwicklungspolitischer Perspektive dabei besonderes beeindruckend: Finanzschwächere Länder wie Marokko, Jamaika, Honduras, Jordanien, Uruguay, Nicaragua, Mauretanien oder die Kap Verden haben letztes Jahr 1 Prozent oder mehr ihrer Wirtschaftsleistung in den Ausbau Erneuerbarer Energien investiert. Das ist eine gute Nachricht für all diejenigen, die entweder noch keinen Zugang zu Energie haben oder von regelmäßigen Stromausfällen in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung eingeschränkt werden. Im Globalen Norden dagegen nahmen die Investitionen um 8 Prozent ab und machten in den einstmaligen Vorreiterländern Deutschland, Großbritannien, Japan und den USA nur noch etwa 0,25 bis 0,5 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung aus. Sowohl gemessen an ihrer Finanzkraft als auch ihren Emissionen bleibt das Investitionsvolumen der Industrieländer damit weit hinter dem Möglichen und Notwendigen zurück.

Rahmenbedingungen müssen verbessert werden

Trotz der Rekorde und positiven Trends muss der Ausbau Erneuerbarer Energien noch erheblich beschleunigt werden. Denn die Autoren der Studie stellen klar: um den globalen Temperaturanstieg auf deutlich unter 2 Grad oder gar 1,5 Grad begrenzen zu können, müssen die jährlichen Investitionen mindestens verdrei- wenn nicht gar verzehnfacht werden. Dazu müssen zusätzlich die politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen reformiert werden. Denn Investitionen können nur dort wirksam greifen, wo sie auf geeignete Rahmenbedingungen treffen.

Weltweit allerdings sind die direkten Subventionen für fossile Energieträger immer noch doppelt so hoch wie für Erneuerbare Energien. Dabei entstehen durch die Nutzung von Kohle, Gas, Öl und Kernenergie externe Kosten in einer Höhe von etwa dem Zehnfachen aller Investitionen in Erneuerbare Energien. Es ist also dringend notwendig, Subventionen für fossile (und nukleare) Energien abzubauen und ihre externen Kosten einzupreisen. Dann würde auch keine Firma der Welt mehr auf die Idee kommen, ein neues Kohle- oder auch Atomkraftwerk zu bauen. Die G7 haben sich Ende Mai auf ihrem Gipfel in Japan immerhin auf ein Ende der "ineffizienten" fossilen Subventionen bis 2025 geeinigt. Jetzt müsste Deutschland als reiches G7-Land den Weg weisen und entschieden mit dem Abbau seiner vielen fossilen Subventionen beginnen. Das würde auch die Chance erhöhen, dass der G20-Gipfel 2017 unter deutscher Präsidentschaft mit einem Ausstieg der größten 20 Volkswirtschaften nachlegt.

Anders als noch vor einigen Jahren befürchtet, eröffnet dabei der momentan niedrige Ölpreis die einmalige Chance, durch politische Reformen sozialverträglich aus der Subventionierung fossiler Brennstoffe auszusteigen, die externen Kosten zu internalisieren und damit die globale Energiewende für die Armutsbekämpfung und für mehr Klimaschutz zu beschleunigen.

EU und Deutschland zu lethargisch

Ausgerechnet in Europa bewegt sich wenig: Die bisherigen EU-Klima- und Energieziele stehen nicht im Einklang mit den Zielen des Pariser Klimaabkommens, der Emissionshandel liegt wegen zu generöser Zertifikateverteilung am Boden und einige Kräfte in der EU-Kommission und einigen Mitgliedsländern werben für eine Renaissance der Kernenergie. Damit es dennoch gelingt, die globale Energieversorgung bis 2050 vollständig auf Erneuerbare Energien umzustellen, müssen deshalb die europäische Staatengemeinschaft und insbesondere Deutschland als Mutterland der Energiewende aus ihrer energiepolitischen Lethargie erwachen. Als einstiger Vorreiter in Sachen Klima- und Energiepolitik hat die EU eine besondere Verantwortung und zugleich die Chance, ihre klimapolitische Glaubwürdigkeit wiederzuerlangen. Es gilt, gemeinsam Kurs zu nehmen und das letzte Jahr gegebene Versprechen einzulösen, im Falle eines erfolgreichen Klimagipfels weitere Anstrengungen zu unternehmen, die unzureichenden europäischen Klima- und Energieziele für 2030 nachzubessern. Die Kluft zwischen den schwachen EU-Zielen und den ambitionierten Vorgaben des Pariser Klimaabkommens ist riesig. Über Stillstand oder Fortschritt entscheidet in Brüssel insbesondere die Position der deutschen Bundesregierung. Doch leider unterstützt Deutschland noch immer nicht klar die Anhebung der Ziele.

Nur durch ein starkes Signal und die deutliche Erhöhung der europäischen klima- und energiepolitischen Ambition wird es der internationalen Staatengemeinschaft gelingen, einen gefährlichen Klimawandel zu verhindern. Die EU und auch Deutschland sollten das als eine Chance betrachten. Wenn die vorhandenen technischen und finanziellen Möglichkeiten richtig genutzt werden, können die Erneuerbaren Energien in Europa wieder zum Wirtschaftsmotor werden, so dass die EU im Wettbewerb um Innovation und Arbeitsplätze nicht gänzlich abgehängt wird. Der neu erschienene REN21 Report liefert dafür ausreichend Motivation und Argumente.

REN21 „Renewables 2016 - Global Status Report“ zum Download: www.ren21.net/status-of-renewables/global-status-report/


- Dieser Beitrag erschien zuerst auf www.klimaretter.info -

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