Klimawandel menschengemacht, Handlungsdruck steigt - Wissenschaftler stellen insbesondere die Verwundbarkeit der Ozeane heraus

Klimawandel menschengemacht, Handlungsdruck steigt - Wissenschaftler stellen insbesondere die Verwundbarkeit der Ozeane heraus

Weltklimarat IPCC veröffentlicht den ersten Teil seines Fünften Sachstandsberichts

Vom 23. bis 27. September kam der Weltklimarat IPCC zur Verabschiedung des ersten Teils seines Fünften Sachstandsberichts (Fifth Assessment Report - AR5 des IPCC) in Stockholm zusammen. Die Sitzung fand unter Teilnahme von 110 Ländern in zuvor kaum gekannter konstruktiver Atmosphäre statt, denn die Auffassungen zu den wichtigsten Grundfragen der Wissenschaft über die Klimaänderung gehen kaum noch auseinander. Mit über 95 % Sicherheit ist die Erwärmung menschengemacht. Die Meeresversauerung wird gegenüber dem letzten Bericht zunehmend als neue Herausforderung gesehen. Die Abschätzungen für den Meeresspiegelanstieg wurden nach oben korrigiert, obwohl sie weiterhin konservativ sind. Gänzlich neu ist, dass der IPCC erstmals ein Budget für Emissionen nennt (1000 Gt C), die von der Menschheit ausgestoßen werden können, um mit 66 % Sicherheit die Erwärmung unter zwei Grad Celsius zu belassen. Die Hälfte dieses Budgets ist bereits aufgebraucht. Es ist noch möglich, den Temperaturanstieg unter zwei Grad zu begrenzen, aber dafür bedarf es einer transformativen Strategie.

Der vorgelegte Bericht der ersten IPCC-Arbeitsgruppe zeigt, wie massiv der Handlungsdruck für Politik, Wirtschaft und VerbraucherInnen ist. Dies wird voraussichtlich noch deutlicher, wenn der Bericht der zweiten Arbeitsgruppe vorgelegt wird. Denn dort werden die Auswirkungen des Klimawandels auf Mensch und Ökosysteme im Zentrum stehen.

Doch auch dann werden viele in der Öffentlichkeit vergeblich darauf warten müssen, dass der IPCC der Politik klare Risikoabschätzungen und daran orientierte Vorschläge vorlegt, wie auf die Herausforderung des Klimawandels reagiert werden kann. Der IPCC hat sich in den vergangenen 25 Jahren schrittweise durch den Einfluss der Regierungen, die sich dem Handlungsdruck entziehen wollen, auf ein rein positivistisches (d.h. normative Ansätze vermeidendes) Wissenschaftsverständnis festgelegt. Selbst Aussagen dazu, wo der menschengemachte Klimawandel die Grenze zur Gefahr überschreitet, werden angesichts dieser Beschränkungen als nicht legitime Aufgabe der Wissenschaft gesehen. Er darf der Politik und Öffentlichkeit, die hier gerade auf die Wissenschaft hofft, weder sagen, wann es zu riskant wird, noch Handlungsvorschläge machen, sondern nur "neutral" verschiedene Optionen (Szenarien) aufzeigen.

Da aber nicht zu erwarten ist, dass die vorgelegten Erkenntnisse wie ein Blitz in die Köpfe der politischen Entscheidungsträger fahren, liegt es auch an der Zivilgesellschaft, den notwendigen politischen Druck zum Handeln aufzubauen. Nur so ist darauf zu hoffen, dass bei den Koalitionsverhandlungen, in der EU und im Rahmen des für 2015 angepeilten globalen Klimaabkommens die notwendigen Beschlüsse gefasst werden.

Aus Sicht von Germanwatch liegen folgende Bewertungen des ersten Teils des Sachstandsberichtes nahe:

  1. Die Gewissheit, dass der Mensch der dominante Faktor des Klimawandels ist, ist inzwischen so groß (über 95%), dass man in der Medizin beim Nichthandeln von einem Kunstfehler sprechen würde. Wer jetzt als Politiker nicht entschieden handelt, kommt mit seinem Amtseid in Konflikt, Schaden von seinem Volk abzuwenden.
  2. Der Mensch führt sowohl durch die Veränderung der Atmosphäre als auch durch die der Ozeane ein Großexperiment mit der Menschheit und ihrer Mitwelt durch. Es wird immer wahrscheinlicher, dass wir uns am Ende des Jahrhunderts aus dem ungewöhnlich stabilen Klima unseres Erdzeitalters Holozän herauskatapultiert haben werden. Die Stabilität dieses Klimas war in der Menschheitsgeschichte Grundlage des Übergangs zur Landwirtschaft und somit aller bekannten Hochkulturen. Die durch die Versauerung der Meere gefährdete Nahrungsmittelkette der Ozeane ist die Lebensgrundlage für einen weiteren Großteil der Menschheit.
  3. Der Pfad, den globalen Temperaturanstieg auf weniger als 2 Grad C zu begrenzen, um die größten Risiken zu vermeiden, ist noch nicht verbaut. Dies bedeutet allerdings, dass wir nicht weiter Klimaschutz in Trippelschritten vorantreiben dürfen. Mit jedem vertrödelten Jahr wird eine solche Klimaschutzstrategie schwieriger und deutlich kostspieliger. Falls das 2-Grad-Limit nicht einzuhalten ist, gilt es um jedes Zehntelgrad zu kämpfen, um den darüber hinaus gehenden Temperaturanstieg zu begrenzen.

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Unten im Downloadbereich finden Sie eine detailliertere, von Germanwatch erstellte Darstellung und Bewertung der Ergebnisse der 1. IPCC-Arbeitsgruppe einschließlich der wichtigsten Beschlüsse ihrer Sitzung in Stockholm sowie einen Link zur offiziellen, englischsprachigen Originalfassung der Zusammenfassung für Entscheidungsträger.