Blogpost | 22.10.2021

Verdrängung und Resignation – oder Hoffnung, Mut und Handeln?

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Wie wir resilient auf globale Herausforderungen reagieren können

Das Ausmaß und die zum Teil schon spürbaren Folgen von Klimaüberhitzung und Biodiversitätsverlust sind in den letzten Jahren immer präsenter geworden – und damit auch die Dringlichkeit des Handelns. Wir erleben Hitze- und Dürresommer oder in ihrer Heftigkeit und Häufigkeit wachsende Überflutungsereignisse oder Waldbrände. Die Wissenschaft bestätigt unseren Eindruck. So zeigt der gerade veröffentlichte erste Teil des 6. Berichts des IPCC (International Panel on Climate Change) deutlicher als je zuvor: Wir steuern auf eine existenzielle Krise zu. Jedes Zehntelgrad globaler Erwärmung erhöht die Risiken weiter. An den allermeisten Menschen, die diese Erkenntnisse an sich heranlassen, geht das auch emotional nicht spurlos vorbei. Angst, Trauer und Wut sind sehr natürliche Reaktionen, wenn Menschen globale Herausforderungen wie die Klimakrise ungeschönt wahrnehmen. Die zentrale Frage ist, wie können diese Emotionen uns nicht lähmen und krankmachen, sondern zum wirkungsvollen Handeln anspornen.

Neurobiologische Reaktion auf Gefahren

Droht uns Menschen eine Lebensgefahr, reagieren wir unwillkürlich mit Reflexen, die evolutionär bedingt in unserem Hirnstamm und vegetativen Nervensystem verankert sind. Schon vor langer Zeit haben sich – etwa beim Angriff eines wilden Tieres – drei Standardreflexe immer wieder bewährt: Wir reagieren mit Flucht (flight), Erstarren oder Totstellreflex (Freeze) oder aber stellen uns der Gefahr todesmutig und bekämpfen sie (fight) (vgl. Cannon, 1915 und Gray, 1987).

Angesichts der heutigen Herausforderungen – etwa der Klimakrise – geht es nicht darum, innerhalb weniger Sekunden reflexhaft zu reagieren. Anders als bei einem Angriff eines Tieres ist die Gefahr aber auch nicht nach wenigen Minuten vorbei. Daher müssen wir Wege finden, sich uns aufdrängende reflexhafte Reaktionen so zu regulieren, dass wir wirkmächtig, dauerhaft und emotional gesund agieren können. Wir müssen nicht bei unseren „alt bewährten“ mehr oder weniger bewussten Fight, Flight und Freeze-Strategien stehen bleiben, sondern können diese für unseren Umgang mit der Klimakrise weiterentwickeln. Das Großhirn bietet dazu ein enormes Potenzial an rationaler und emotionaler Intelligenz.

In den letzten Jahren ist der Begriff „Klimaangst“ neu aufgekommen. Er sollte allerdings mit Vorsicht verwendet werden, denn er vermittelt den Eindruck, dass es sich bei der Sorge um die Klimakrise um ein persönliches psychisches Problem handele – ähnlich wie Angststörungen, die in der klinischen Psychologie definiert sind. So werden Sorgen, die viele Menschen aufgrund einer realen globalen Bedrohung haben, pathologisiert. Um die Klimakrise aufzuhalten müssen wir jedoch nicht unsere Emotionen bekämpfen, sondern die Ursachen.

Fight, Flight und Freeze-Strategien im Umgang mit der Klimakrise

„Fight“: Förderlich im Einsatz gegen die Klimakrise und für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen sind vor allem den „Fight“-Reaktionen ähnelnde Strategien. So können wir negative Emotionen wie Angst in Anbetracht von zunehmenden Extremwetterereignissen oder Wut in Bezug auf das zögerliche Handeln von Politiker:innen in eine eigene Handlungsmotivation überführen. Die Folge kann sein, dass wir uns beispielsweise im Alltag ein klimaschützendes Verhalten angewöhnen, gemeinsam mit Freund:innen den Handabdruck unseres gesellschaftlichen Handelns erhöhen, Wahlen zu Klimawahlen machen und uns aktiv etwa bei Demonstrationen oder Protesten engagieren.

Andauernde Fight-Reaktionen können aber auch ermüden; sie können dazu führen, den Protest nicht mehr strategisch, sondern gewohnheitsmäßig einzusetzen. Sie können außerdem zu Überlastung und zum Burnout führen.

„Freeze“: Der „Totstellreflex“ – nicht sehen, nicht hören, nicht darüber sprechen – kann im ersten Moment der Überforderung angesichts der Bedrohung durch die Klimakrise eine verständliche Reaktion sein. Aber insbesondere, wenn sie länger anhält, ist sie weder gesellschaftlich noch für den Umgang mit den eigenen Emotionen konstruktiv. Sie lähmt uns anstatt uns zu motivieren. So eine „Freeze“-Reaktion kann sich z.B. als Resignation äußern. Diese tritt verstärkt auf, wenn wir das Gefühl haben, wir könnten nichts mehr verändern, die Klimakrise lasse sich nicht mehr aufhalten, zu vielen Menschen sei Klimaschutz egal oder unser Verhalten habe keinen Einfluss auf den Lauf der Dinge. Ein solches Ohnmachtsgefühl verhindert, dass wir aktiv werden.

„Flight“: Sehr häufig angesichts der Klimakrise sind Fluchtreflexe, das Verdrängen oder Verharmlosen der tatsächlichen Bedrohung. In diesem Fall lassen wir Gefühle wie Angst, Wut oder Trauer nicht zu, sondern entziehen uns ihnen. Die Flucht kann verschiedene Formen annehmen: (1) als Flucht in andere Themen, (2) in verstärkten Konsum oder (3) in einfache Lösungen (die Menschheit wird auch hierfür eine technische Innovation finden). Das Verdrängen zentraler Fragen (Welche Werte sind mir wichtig?) und das Leugnen der eigenen – begrenzten – Verantwortlichkeit bis hin zu einem Anzweifeln von Fakten (vielleicht hat die Wissenschaft sich ja geirrt) können weitere Folgen sein.

Wie lassen sich also die starken, fast reflexhaften Reaktionen auf Angst – etwa in Bezug auf die Klimakrise – konstruktiv umwandeln? Wie kommen wir zu informiertem und strategischem Handel und wie lassen Verdrängung und Resignation hinter uns? Hierzu einige Ideen:

  1. Einen resilienten Umgang mit Emotionen unterstützen

  • In der Bildungsarbeit aber auch im Journalismus ist es zentral, auf die Vermittlung von mitunter sehr bedrückenden Fakten immer Lösungsansätze folgen zu lassen. Politische Handlungsoptionen und Engagement-Ideen sowie deren wirksame Umsetzung sollten im Mittelpunkt stehen, damit Menschen nicht in Resignation verfallen.
  • Wenn Medien Erfolgsgeschichten aufgreifen, in denen Menschen durch ihr gemeinsames Engagement einen Unterschied machen, können sie motivieren, selbst aktiv zu werden. Hier haben Jounalist:innen, Influencer:innen, Politiker:innen und andere Personen im öffentlichen Leben eine große Verantwortung.
  • Bei der Auswahl von Inhalten im Journalismus sowie in der Bildungsarbeit gilt es die Zielgruppe und die mögliche emotionale Wirkung im Blick zu behalten: Personen, für die das Themenfeld eher neu ist, fehlen manchmal noch grundlegende Informationen. Sie sollten mit schwierigen Realitäten wie z.B. Kipppunkten in der Klimakrise oder Zusammenhängen zwischen ihrem eigenen Konsum und Menschenrechtsverletzungen im Globalen Süden vertraut gemacht werden. Hippe (2018) warnt in diesem Sinne vor ausschließlich positiven Zukunftsszenarien, da es in einer kritischen Bildung auch um ein Erkennen der Notwendigkeit von Veränderungen geht. Bei Gruppen dagegen, die sich bereits umfassend mit Nachhaltigkeitsherausforderungen beschäftigt haben, ist es sinnvoller, die bereits bekannten alarmierenden Beschreibungen der Risikolage eher kurz zu halten und sich vor allem über Handlungsideen und ihre Wirksamkeit auszutauschen (Hamann et al., 2016).
  • Für Menschen mit zunehmenden Zukunftsängsten ist außerdem ein achtsamer Umgang mit dem eigenen Nachrichtenkonsum wichtig. Maren Urner (Neuropsychologin und Gründerin des positiven Nachrichtenmagazins Perspective Daily) zeigt, dass gerade politisch interessierte Menschen dazu neigen, übermäßig häufig Zeitungen, Twitter und andere Newsfeeds zu checken, auf denen es eine Verzerrung hin zu negativen Nachrichten gibt (2019). Dies kann zu einem erhöhten Stresslevel führen, das auf Dauer ungesund ist.
  1. Über Emotionen und Bedürfnisse sprechen
  • Sorgen und Ängste in Bezug auf aktuelle globale Entwicklungen wie die Klimakrise ernst zu nehmen, zuzulassen und ihnen einen geschützten Raum zu geben, ist ein wichtiger Schritt für einen ehrlichen, resilienten und aktiven Umgang mit globalen Herausforderungen. Gemeinschaften, in denen eine vertrauensvolle Atmosphäre herrscht, können einen Austausch über Emotionen ermöglichen und helfen, sich von blockierenden „Freeze“- oder „Flight“-Reaktionen zu lösen.
  • Auch die Auseinandersetzung mit den Gefühlen und dahinterstehenden Bedürfnissen derer, die sich gegen die notwendige Transformation stellen, kann ein Impuls zum wirkungsvollen Handeln – und zu notwendigen neuen Formen der Kooperation – sein. Hier geht es etwa um Anerkennung von Lebensleistung, auch wenn diese – oft unbewusst – klimapolitisch kontraproduktiv war. Das empathische Hineinversetzen in die Ansichten und Bedürfnisse anderer Menschen ermöglicht bessere Gespräche und fördert gegenseitiges Verständnis. Der Think Tank „More in Common“ hat kürzlich in einer Studie über die Wahrnehmung der Klimakrise in Deutschland herausgearbeitet, was notwendig wäre, um in Gesprächen und kontroversen Debatten über Klimaschutz-Maßnahmen einer „Wir-gegen-die“-Dynamik entgegenzuwirken, die die Polarisierung in der Gesellschaft vorantreibt. Ein zentraler Punkt dabei: Klimafragen nicht auf persönliche Verbraucher:innenthemen zu reduzieren und in Anschuldigungen zu enden. Vielmehr gehe es darum, ganz konkrete politische Gestaltungsspielräume zu thematisieren, die dann auch die wahrgenommenen Handlungsmöglichkeiten der Einzelnen vergrößern (Gagné & Krause, 2021).
  1. Einen positiven Kreislauf in Gang setzen: Hoffnung durch Handeln und Handeln durch Hoffnung

Bei der Frage, wie wir von negativen Emotionen wie Wut, Trauer oder Angst zum Handeln kommen können, spielt Hoffnung eine besonders wichtige Rolle. Ob wir aktiv werden und uns engagieren, hängt stark davon ab, ob wir glauben, dass eine nachhaltige oder zumindest erträgliche Zukunft erreichbar ist und unser Engagement – oft gemeinsam mit anderen – etwas dazu beitragen kann.

  • Sowohl eine Studie der Wissenschaftler:innen Grund und Brock (2018), als auch ein Beitrag der Psychologists for Future (2020) betonen, dass Handlungsoptionen, die in einer angemessener Größenordnung zur Dimension der Herausforderung stehen, Hoffnung befördern:

 „[Es] sollte einem möglichen Zynismus vorgebeugt werden der entstehen kann, wenn das Ausmaß der vermittelten Herausforderungen in einem großen Missverhältnis zu den angebotenen Handlungsmöglichkeiten steht, vor allem, wenn diese sich nur auf die sogenannten „low hanging fruits“, also leicht zu erreichende individuelle Handlungen wie etwa Müll trennen und Licht ausschalten, beschränken.“ (Grund & Brock, 2018; S. 3)

„Eine bloße Individualisierung der Verantwortung stellt […] keine gute Lösung dar, da sie (a) den Leidensdruck erhöhen sowie das Wohlbefinden beeinträchtigen kann und in der Folge (b) die individuelle Funktionsfähigkeit und somit die Handlungsfähigkeit einzuschränken droht. Das Erleben von politischer Wirksamkeit in der Gruppe kann hingegen Ängste und Sorgen eindämmen und Hoffnung fördern.“ (Psychologists for Future, 2020)

  • Wer die Verantwortung für den Klimawandel zu stark bei individuellem Alltagsverhalten verortet, befördert eine sehr eingeschränkte Einschätzung der eigenen Handlungsmöglichkeiten. Da die Wirkung veränderten Konsumverhaltens einer einzelnen Person zwangsläufig begrenzt ist, führen Anstrengungen allein in diesem Bereich häufig zu Frustration oder sogar Resignation. Zudem ist nachhaltiges Verhalten in nicht nachhaltigen Strukturen oft schwierig oder mitunter sogar unmöglich. Wir können mit einzelnen Verhaltensänderungen weder dafür sorgen, dass die Bahn mit grünem Strom fährt, noch, dass die Lieferkette der von uns genutzten Produkte oder das Essen in unserer Kantine klimaverträglich ist. Dafür ist gemeinsames Handeln, das Strukturen und Infrastrukturen verändert, notwendig.
  • Ideen, wie wir uns gemeinsam mit Mitstreiter:innen für nachhaltigere Strukturen in unserer Stadt, an unserem Arbeitsplatz, an unserer Hochschule oder auf Landes-/ Bundesebene einsetzen können, passen deshalb eher zum Ausmaß globaler Herausforderungen als die Tipps zur Reduktion des persönlichen Fußabdrucks. Gemeinsames Engagement, das politisch oder im eigenen Umfeld wirkungsvoll die Weichen für die notwendige Transformation zu einer sozial und ökologisch gerechteren Gesellschaft stellt, hat Veränderungspotential und hilft – sozusagen nebenbei – mit den von bedrohlichen globalen Krisen ausgelösten Emotionen resilienter umzugehen.
  • Journalist:innen, die das Wirkungspotential von gesellschaftlichem und politischem Engagement beleuchten, können Hoffnung machen, etwas zu bewirken und so die Motivation zum Handeln befördern.
  1. Die wichtige Rolle des sozialen Umfelds

  • Wie wir Menschen auf die von Wissenschaftler:innen beschriebenen Szenarien und Kipppunkte reagieren, hängt außerdem stark von unserem sozialen Umfeld und der dadurch bereits sehr unterschiedlichen Wahrnehmung derselben Fakten ab (vgl. KlimaKompakt Nr 96). Unsere Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Gruppen und Subgruppen beeinflusst sowohl unsere Wahrnehmung von Bedrohungen (Wie reagieren meine Freund:innen und Kolleg:innen? Wie schlimm ist diese Krise also? Ist Verdrängung, Zynismus oder Handeln angesagt?), als auch unsere Einschätzung von Handlungsmöglichkeiten und ihrer Wirksamkeit (Können wir diese Krise gemeinsam bewältigen? Lohnt es sich, für Klimaschutz zu kämpfen?). Diese Einschätzungen beeinflussen auch maßgeblich unsere emotionale Reaktion und unser darauffolgendes Verhalten: welche politischen Maßnahmen halten wir für angemessen? Wählen wir und wenn ja, wie? Engagieren wir uns selbst aktiv? Kommt es für uns in Frage, auf eine Demonstration zu gehen? (vgl. SIMPEA-Modell von Fritsche et al., 2018).
  • Vorreiterrollen im eigenen Umfeld, zum Beispiel in Freundesgruppen oder unter Kolleg:innen, sind daher sehr wirkungsvoll. Solaranlagen in der eigenen Nachbarschaft lösen zum Beispiel oft einen Nachahmungseffekt aus (vgl. Henry, Wenz & Levermann, 2021). Wenn sich angesehene Personen in der eigenen Gemeinschaft engagieren oder dazu aufrufen, kann dies besonders wirkungsvoll sein.

Gemeinsames und wirkungsvolles Handeln zusammen mit anderen Menschen stärkt also sowohl die Resilienz der Gesellschaft gegen Krisen, als auch unsere eigene Resilienz angesichts von Angst und Ohnmachtsgefühlen.

Wer jetzt Lust auf mehr gemeinsames und strategisches Handeln für eine zukunftsfähige Gesellschaft bekommen hat, findet einige Ideen für wirkungsvolles Engagement im Handabdruck-Test sowie weitere spannende Strategien in den zahlreichen Projekten von Germanwatch.

Eine kürzere Version dieses Artikels ist im Mai 2021 in der Weitblick-Zeitung von Germanwatch erschienen.

Autor:innen

Marie Heitfeld, Christoph Bals und Christiane Bals

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