Blogpost | 09.12.2020

Nur mit negativen Emissionen zum Paris-Ziel der Treibhausgasneutralität

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Im Dezember 2015 vereinbarte die Internationale Gemeinschaft im Abkommen von Paris, die Erwärmung der Erdatmosphäre auf deutlich unter 2 Grad bzw. 1,5 Grad gegenüber vorindustriellem Niveau zu begrenzen [1] - ein ambitioniertes Ziel, das mit drastischen weltweiten Emissionsreduktionen bis spätestens im Jahr 2050 verbunden ist. Bis dahin soll Treibhausgasneutralität erreicht werden. Das bedeutet im Idealfall, dass keine Treibhausgase in die Atmosphäre abgegeben werden. Allerdings gibt es Sektoren, wie die Landwirtschaft, deren Emissionen nicht auf null gesenkt werden können. Beim Reisanbau kann zum Beispiel der Ausstoß von Methan nicht verhindert werden. Die so entstehenden Emissionen müssen vollständig kompensiert werden, damit insgesamt gerechnet ein Konzentrationsanstieg von Treibhausgasen vermieden und eine sogenannte „Netto-Null-Emission“ erreicht werden kann. Damit wir dieses Ziel als internationale Staatengemeinschaft erreichen, müssen wir Technologien und Methoden für Ökosysteme finden, die die CO2-Konzentration in der Atmosphäre reduzieren. Man spricht hierbei auch von „Negative-Emissionen-Technologien“. 

Auch wenn es eigentlich selbstverständlich ist, sei hier noch mal darauf hingewiesen: Absolute Priorität muss die Emissionsminderung haben. Lediglich unvermeidbare Restemissionen können durch den Einsatz von ausgewählten Verfahren, die der Atmosphäre CO2 entziehen, ausgeglichen werden, um Treibhausgasneutralität zu erreichen. 

Klimadialoge der Vereinten Nationen boten Plattform für neue wissenschaftliche Erkenntnisse

Den Verhandler*innen des Paris-Abkommens war im Dezember 2015 bekannt, dass es Sektoren gibt, in denen die Emissionen nicht auf null gesenkt werden können, und dass Treibhausgasneutralität nur über negative Emissionen, also Netto-Null-Emissionen, gelingen kann. Allerdings ist seither der Wissensstand darüber, wie eine solche Netto-Null-Emission technisch und politisch erreicht werden kann, nicht erheblich gewachsen. Auch die praktische Umsetzung wurde bislang wenig im großen Umfang erprobt. 

Im November und Dezember 2020 führte das Sekretariat der UN-Klimarahmenkonvention virtuelle Klimadialoge durch. Ein physisches Treffen von Delegierten war, wie bislang üblich, aufgrund der Corona-Pandemie nicht möglich. Dazu zählten auch zwei sehr breit angelegte Forschungsdialoge, die am 24. und am 25. November stattfanden. Dort ging vor allem Andy Reisinger, der stellvertretende Vorsitzende der Working Group III „Mitigation of Climate Change“ des Weltklimarates IPCC, auf negative Emissionen ein.

In seinem Vortrag machte er deutlich, welche Chance im Einsatz von „Negative-Emissionen-Technologien“ steckt: Wenn es weltweit gelänge, den Ausstoß von CO2 auf Netto-Null zu senken, würde die globale Durchschnittstemperatur nicht weiter steigen. Gelänge es hingegen den Ausstoß aller Treibhausgase auf Netto-Null zu senken, würde die globale Durchschnittstemperatur sogar sinken.

Sieben Methoden für negative Emissionen

Die Wissenschaft unterscheidet sieben verschiedene Methoden, mit denen Netto-Null-Emissionen erreicht werden können. Im englischsprachigen Raum werden diese Negative-Emissionen-Technologien auch unter dem Begriff „Carbon Dioxide Removal-Technologies“ (CDR) zusammengefasst. Dazu gehören 

  • das Management des Kohlenstoffgehaltes im Boden, 
  • das biologische Binden von Kohlenstoff (biochar),
  • Wiederaufforstung, 
  • der Einsatz von Bioenergie, die mit CO2-Abscheidung und –Speicherung verbunden ist (BECCS), 
  • das Binden von CO2 an Gesteinen durch beschleunigte Verwitterung (enhanced weathering), 
  • die Entnahme von CO2 aus der Luft mit anschließender geologischer Speicherung (DAC – Direct Air Capture) sowie 
  • Ozeandüngung.

Unbedingt ist hier festzuhalten, dass Negative-Emissionen-Technologien teilweise stark mit anderen Ökosystem-Leistungen interagieren. Zum Beispiel kann Flächenkonkurrenz, wie sie etwa im Rahmen von Aufforstung entsteht, zu einem Zielkonflikt mit Ernährungssicherheit führen. Der Einsatz Negativer-Emissionen-Technologien ist also jeweils sehr sorgfältig abzuwägen und bedarf politischer Behandlung.

Mehr Forschung und mehr Investition für gut informierte politische Entscheidungen

Um die Ziele des Paris-Abkommens zu erreichen und die globale Erwärmung auf deutlich unter 2 Grad bzw. 1,5 Grad gegenüber vorindustriellem Niveau zu begrenzen, sind Negative-Emissionen-Technologien absolut notwendig. Nur mit ihrem Einsatz können Netto-Null-Emissionen erreicht werden. Allerdings sind weitere wissenschaftliche Untersuchungen der verschiedenen Technologien und ihre Auswirkungen auf das Ökosystem (zum Beispiel in Pilotanlagen, die Hochskalierung bereits erprobter Instrumente, der Aufbau von Institutionen und Gouvernance-Strukturen) dringend erforderlich und bedürfen höherer Investitionen. Nur so können gut fundierte Empfehlungen für oder gegen die jeweilige Technologie an die Politik abgegeben werden. Und nur so sind gut informierte politische Entscheidungen überhaupt möglich. Erforderlich sind sie allemal, damit die internationale Gemeinschaft ihr gemeinsames Ziel der Treibhausgasneutralität bis 2050 erreichen kann. 


[1]„Holding the increase in the global average temperature to well below 2 °C above pre-industrial levels and pursuing efforts to limit the temperature increase to 1.5 °C above pre-industrial levels“, Art. 2, Paris Agreement, see https://unfccc.int/sites/default/files/english_paris_agreement.pdf


Mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und von Brot für die Welt - Evangelischer Entwicklungsdienst. Für den Inhalt ist alleine Germanwatch verantwortlich.

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