Blogpost | 28.05.2019

Japan holt langsam auf

Tokio

Tokio: Inländische Akteure dominieren Japans Finanzsektor. Investoren und Unternehmen sind deshalb kaum internationalem Druck ausgesetzt, um nachhaltiger zu werden. (Foto: Purota/​Pixabay)

Das Jahr 2019 ist entscheidend für die zukünftige Klimapolitik in Deutschland und Europa. Das Finanzwesen und seine Hebelwirkung über alle Sektoren hinweg spielt eine Schlüsselrolle im Kampf gegen den Klimawandel und für nachhaltiges Wirtschaften. Deutschland kann dabei im Bereich Green Finance von Vorreiterländern lernen. Sieben internationale AutorInnen erklären in den folgenden Wochen daher den Ansatz ihres Landes, den Finanzmarkt grüner zu gestalten und gehen dabei auf Chancen, Hürden und unbeantwortete Fragen ein.

Auch in Japan, dem diesjährigen G20-Gastgeber, ist das Bewusstsein für klimabezogene Risiken in den vergangenen Jahren gestiegen. Der Weg zu einem vollständig nachhaltigen Finanzsystem ist aber noch weit.


Japan erlebt derzeit ein globales Momentum. Trotz des Aufstiegs anderer asiatischer Nationen ist das Land nach wie vor eine Wirtschafts- und Kulturmacht mit erheblichem regionalen und globalen Einfluss.

So ist Japan Gastgeber des diesjährigen G20-Gipfels. Nachhaltige Entwicklung und grüne Infrastruktur sind einige der Kernthemen, die Japan bei dem Treffen der Staats- und Regierungschefs der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer Ende Juni in Osaka hervorheben möchte.

Doch trotz seiner allgemein großen Bedeutung für das globale Finanzsystem dominieren inländische Akteure den japanischen Finanzsektor. Dies erklärt zum Teil, warum japanische Investoren und Unternehmen bis heute kaum internationalem Druck ausgesetzt wurden, die sogenannten ESG-Faktoren bei ihren Entscheidungen zu berücksichtigen. ESG steht für Environment, Social, Governance – also Umwelt, Soziales und Unternehmensführung.

Unterschätzte finanzielle Risiken

Dies hat zu einer Unterschätzung der physischen und transitorischen Klimarisiken geführt, die in den Empfehlungen der Expertenkommission Task Force für klimabezogene finanzielle Offenlegung (TCFD) des Finanzstabilitätsrates hervorgehoben werden.

Allerdings stehen Japan und seine Wirtschaft teilweise erheblichen Klimarisiken gegenüber – etwa Überschwemmungen, Hitzewellen, der Anstieg des Meeresspiegels und die Versauerung der Ozeane. Osaka und Tokio gehören zu den Städten, die am stärksten Stranded-Asset-Risikenausgesetzt sind, die mit dem ansteigenden Meeresspiegel in Zusammenhang stehen.

Die japanische Wirtschaft ist stark auf den Import von Rohstoffen angewiesen. Dadurch sind japanische Unternehmen und Investoren externen Risiken äußerst stark ausgesetzt. Dies betrifft zum Beispiel Investitionen in Vermögenswerte mit Bezug zu fossilen Energieträgern wie etwa Kohlekraftwerke.

Wachsendes politisches Bewusstsein

In den letzten Jahren ist das Bewusstsein für klimabezogene Risiken in Japan jedoch gestiegen. Ebenso wurden Aktivitäten zur Einbeziehung von ESG-Richtlinien beschleunigt.

Nach der Ratifizierung des Pariser Klimaabkommens hat die Regierung von Premierminister Shinzo Abe mehrere Initiativen zur Förderung eines nachhaltigen Finanzsystems in der japanischen Wirtschaft auf den Weg gebracht. Diese sollen die Unternehmen und Investoren dabei unterstützen, ihre Geschäftsmodelle oder Portfolios aktiver an ESG-Richtlinien auszurichten.

Die Veröffentlichung eines "Stewardship Code"durch die Regierungsbehörde Financial Services Agency (FSA) im Jahr 2014 diente als einer der Hauptbeschleuniger für die Förderung von langfristigen und nachhaltigen Investitionsentscheidungen.

Es war der erste umfassende Versuch, börsennotierten Unternehmen eine Reihe von Leitlinien zur Förderung eines verantwortungsvollen Investitionsverhaltens und eines nachhaltigen Wachstums zu bieten.

Daraufhin hat die FSA ihren Tätigkeitsbereich in Bezug auf ESG-Fragen und Klimarisikomanagement erweitert. Ende 2018 hat sie einen Chief Sustainable Finance Officerernannt – ein wichtiger Schritt zur Ausweitung von nachhaltigen Finanz-bezogenen Regulierungsmaßnahmen in Japan.

Um die Qualität und Quantität der von Unternehmen offengelegten ESG-Daten zu erhöhen, hat das Wirtschaftsministerium Meti Arbeitsgruppen für ESG-Politik und die TCFD eingerichtet. Auf Grundlage der von diesen Arbeitsgruppen vorgeschlagenen Empfehlungen hat das Umweltministerium ein Programm aufgelegt, das Unternehmen und Investoren bei der Durchführung der von der TCFD empfohlenen Szenarioanalyse finanzielle Unterstützung bietet.

Auch wurden Richtlinien für grüne Anleihen entwickelt und finanzielle Unterstützung für in Japan ansässige Anleiheemittenten bereitgestellt.

Das Ministerium hofft, damit den Gesamtwert von grünen Anleihen von derzeit 9,7 Milliarden Dollar zu erhöhen. Mit diesem Volumen befindet sich Japan momentan auf Rang zehn im weltweiten Vergleich und auf Rang zwei im asiatisch-pazifischen Raum, nach China.

Im vergangenen Oktober wurden diese laufenden Bemühungen durch die Gründung des Green Finance Network Japan (GFNJ) flankiert. Die Mitglieder kommen aus Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft. Das Netzwerk will die Regierung in den kommenden Jahren beim Ausbau einer nachhaltigen und umweltfreundlichen Finanzpolitik unterstützen.

Ausweitung von Unternehmensbemühungen

Der japanische Pensionsfonds der Regierung, der Government Pension Investment Fund (GPIF), spielt ebenfalls eine maßgebliche Rolle für das Wachstum des japanischen Sektors für nachhaltige Finanzen.

Durch eine Reihe strategischer ESG-orientierter Managemententscheidungen konnte der Fonds seinen inländischen Investitionsanteil – in dem inländische Vermögenswerte mehr als die Hälfte seines Gesamtportfolios von insgesamt 1.500 Milliarden US-Dollar ausmachen – nutzen, um das Bewusstsein unter Finanzakteuren für ESG-Prinzipien zu erhöhen, damit diese in Zukunft gewissenhafter eingehalten werden.

Der GPIF hat beispielsweise die TCFD-Empfehlungen öffentlich unterstützt, hat Umwelt- und ESG-Indizes in Auftrag gegeben und mehrere externe Vermögensverwalter anhand ihrer ESG-Profile ausgewählt.

Diese Schritte führten dann zu einer Vielzahl verschiedener privatwirtschaftlicher Aktionen. Zum Beispiel hat die Japan Exchange Group (JPX) im August 2018 einen Nachhaltigkeitsausschuss eingerichtet und eine Zusammenarbeit mit der London Stock Exchange Group (LSEG) ankündigt, um eine nachhaltigkeitsorientierte Politik zu fördern.

Der japanische Sektor für nachhaltige Finanzen muss noch wachsen, um mit den Märkten in Europa und Nordamerika mithalten zu können, die schon weiter entwickelt sind. Mit dem Aufbau der beschriebenen politischen Initiativen und Ausbildungsbemühungen können die Dynamik beibehalten und Klima- und ESG-Investitionen ausgeweitet werden.

Das beinhaltet die Verringerung von Vermögensbeständen und Investments in CO2-intensive Technologien und Projekte im In- und auch im Ausland. Zahlreiche japanische Pensionsfonds, Versicherer, Vermögensverwalter und Banken sind immer noch im Rückstand, wenn es darum geht, ihre kohlenstoffintensiven Vermögenswerte zu reduzieren oder offenzulegen. Das gilt besonders für Aktivitäten, die im Zusammenhang mit fossilen Brennstoffen stehen.

Bis alle diese Verpflichtungen zu ESG-Grundsätzen in konkrete Maßnahmen gefasst sind, wird es für Japan schwierig werden, ein vollständig nachhaltiges Finanzsystem "zu verwirklichen und eine freie und offene, integrative und nachhaltige, am Menschen orientierte Zukunftsgesellschaft zu fördern"wie es Premierminister Shinzo Abe angekündigt hat.

Kim Schumacher

Kim Schumacher ist ehrenamtlicher Mitarbeiter im Programm "Economics of Sustainability" der Smith School of Enterprise and the Environment (SSEE) an der Universität Oxford. Seine Forschung konzentriert sich auf Klimaschutzrecht und Klimapolitik sowie nachhaltige Finanzen, nachhaltige Energiewende und umweltrechtliche Regulierungsverfahren. Er ist Mitglied der technischen Arbeitsgruppe des Climate Disclosure Standards Board und der Climate Bonds Initiative.

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Mit finanzieller Unterstützung der Stiftung Mercator. Für den Inhalt tragen die AutorInnen und Germanwatch die Verantwortung.

Der Blogbeitrag ist zuerst erschienen bei www.klimareporter.de.


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