Blogpost | 15.10.2017

Chapter Outlines des 6. Sachstandsberichts beschlossen - es kann mit dem Erstellen losgehen

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Blog-Beitrag von Manfred Treber mit Eindrücken von der 46. Plenarsitzung des Weltklimarats IPCC in Montreal, 6. - 10.09.2017

Der Weltklimarat IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) hat alle Hände voll zu tun! Das Paris-Abkommen hatte ihn im Dezember 2015 gebeten, bis Ende 2018 einen Sonderbericht zum Thema 1,5°C Grad zu erstellen. Ende Juli 2017 wurde der erste Entwurf dieses Sonderberichts den Experten ("expert reviewers") zur Begutachtung vorgelegt. Parallel laufen - zeitlich versetzt - die Arbeiten zu zwei weiteren Sonderberichten über i) den Ozean und die Kryosphäre und ii) zu Landnutzung. Dabei darf der Sechste Sachstandsbericht (AR6 - Assessment Report 6), welcher hinsichtlich der Berichte der drei Arbeitsgruppen im Jahr 2021 angenommen werden soll, nicht ins Nachtreffen kommen. Zum AR6 fand im Mai 2017 ein sogenanntes Scoping Treffen in Addis Ababa statt. Der IPCC hatte von rund 600 Bewerbern etwa 60 Experten dorthin eingeladen, um unter ihnen die vorgesehenen Inhalte von AR6 zu diskutieren und festzuhalten[1]. Es blieb der folgenden Plenarsitzung des IPCC (IPCC-46) im September in Montreal überlassen, die inhaltliche Gliederung der Kapitel des Sechsten Sachstandsberichts zu beschließen.

 

Verlauf der 46. Plenarsitzung des IPCC (IPCC-46)

Zu IPCC-46 vom 6. bis 10. September 2017 war der Weltklimarat in Montreal zu Gast bei ICAO, der weltweiten Zivilluftfahrtorganisation.

Abb. 1: Die ICAO-Zentrale in Montreal als Veranstaltungsort von IPCC-46
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Abb. 2: Das Podium von IPCC-46 mit dem IPCC-Vorsitzenden (m.) und dem Sekretär des IPCC (r.)
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Vier verschiedene Sitzungen ("Sessions") fanden in Montreal statt: Zum einen die übergreifende 46. Plenarsitzung des IPCC, welche vom IPCC-Vorsitzenden Hoesung Lee geleitet wurde. Zum anderen Sitzungen der IPCC-Arbeitsgruppen I (Science), II (Impacts and Adaptation) und III (Mitigation), welchen die Co-Chairs der jeweiligen Arbeitsgruppen vorsaßen. Ziel der Sitzung war es, die Vorschläge der Experten aus der Wissenschaft, welche aus dem scoping Treffen in Addis Ababa resultierten, unter den Delegierten der Staaten im IPCC-Panel zu verhandeln und schließlich im Konsens als "Chapter Outlines" zu beschließen.

 

Ergebnisse und Beispiele zur Arbeitsweise

Die Verabschiedung der Chapter Outlines der drei IPCC-Arbeitsgruppen für den Sechsten Sachstandsbericht als das wichtigste bei IPCC-46 in Montreal erzielte Ergebnis[2] gelang, wenn auch mit einem Tag Zeitverzögerung.

Zudem wurden in einem sogenannten INF-Dokument Erläuterungen gesammelt, die den zukünftigen Autoren weitere Hinweise geben, welche Inhalte der jeweiligen Unterkapitel abdecken sollen.

Die Staaten brachten sich im Plenum zu den meisten Unterkapiteln mit Vorschlägen um Erweiterung oder Umformulierung ein. Ein Beispiel dazu aus der Arbeitsgruppe I ist eine Ergänzung um abrupten Wandel nicht nur bis 2100, sondern auch nach dem Jahr 2100, vor allem hinsichtlich des Meeresspiegelanstiegs.

Verschiedene Staaten drängten darauf, die Auswirkungen der Meeresversauerung genauer zu beachten. Andere, dass traditionelles und lokales Wissen nicht übersehen werden dürften. Diese Gefahr besteht, weil dies kaum in wissenschaftlicher Literatur festgehalten wird. Ein Ausweg wäre, ein Expertentreffen über die traditionelle und lokale Kenntnisse durchzuführen.

 

Politische Rücksichtnahme

Zu kommentieren bleibt noch, dass auch die Verhandlungen beim Wissenschaftsrat IPCC politisch unterlegt sind. Beispielsweise wurde das Thema Loss & Damage (L&D), welches ein wichtiger Verhandlungsgegenstand bei den Klimaverhandlungen unter der Klimakonvention (UNFCCC) ist, von einigen Ländern für das Outline bei WG II als Unwort gehandelt. Andere Unworte waren "soziale Kosten der Kohlendioxidemissionen", "Kreislaufwirtschaft" und "locked-in emissions" (beispielsweise durch Kraftwerksplanung und -bau festgelegte Emissionen). Für diese Begriffe wurden jeweils in kleinen Runden von Delegierten Kompromissformulierungen gefunden, mit denen es weitgehend gelang, das gleiche auszudrücken wie die Formulierung, die von manchen kategorisch abgelehnt worden war.

 

Geoengineering im Klimasystem bei AR6

Sowohl außerhalb wie auch innerhalb der IPCC-Verhandlungen war großer Diskussionsgegenstand, inwiefern sich der AR6 mit Geoengineering im Klimasystem ('Climate Engineering' (CE)) mit den Komponenten Carbon Dioxide Removal (CDR) und Solar Radiation Management (SRM) befassen soll [Es ist zu begrüßen, dass SRM in Arbeitsgruppe III (Mitigation) nicht als Emissionsminderungsmaßnahme aufgenommen wird].

Der IPCC nimmt sich in kritischer Weise mit folgender Ratio dieses Themas an: Befasst er sich mit CE, untergeht es den üblichen IPCC-Prozess mit exzellenten WissenschaftlerInnen als Autoren und mit mehrfachen Begutachtungen, so dass das Ergebnis höchsten wissenschaftlichen Anforderungen genügt. Würde der IPCC das Thema CE ausschließen, würde die gesellschaftliche Diskussion um CE dennoch geführt, und zwar auf der Grundlage von oft interessengeleiteten Dokumenten und Argumentationen, so dass die seriöse wissenschaftliche Grundlage fehlen könnte.

 

Weitere Themen und Sitzungen

Für den Synthesebericht zu AR6 war das Outline in Montreal noch nicht so weit gediehen, dass Beschlüsse gefasst wurden. Der Synthesebericht wird eine wichtige Quelle für den Global Stocktake (die weltweite Bestandsaufnahme der Klimapläne der Länder unter dem Paris Abkommen), der für den UNFCCC Klimagipfel im Jahr 2023 vorgesehen ist, werden.

Die Finanzen des IPCC und ihre Mobilisierung sind bei IPCC-Plenarsitzungen ein Dauerthema. Die vom IPCC benötigten gegen 6 - 7 Mio. US$ pro Jahr sind noch nicht zusammen gekommen. So stellt sich die Frage, wie der IPCC weitere Mittel erschließen könne. Dazu wurden acht Optionen präsentiert. Doch es konnte - nicht zuletzt aus Zeitgründen - noch keine Entscheidung gefasst werden, ob etwa ausschließlich Beiträge von Regierungen in Frage kämen oder ob auch andere Quellen eine Option wären. So wurde das Mandat der "Ad Hoc Task Group on Financial Stability" verlängert.

Die Synchronisierung der Zykluslänge von IPCC (bisher zwischen sechs und sieben Jahren) mit dem fünfjährigen Zyklus des im Jahr 2023 beginnenden Global Stocktake unter dem Paris Abkommen war in Montreal vielleicht das politisch brisanteste Thema. Doch als dieser Tagesordnungspunkt erst am Sonntagnachmittag kurz vor dem vorgesehenen Ende aufgerufen worden ist, war klar, dass es aus Zeitgründen zu keinem Beschluss mehr kommen würde. Daher wurde eine Arbeitsgruppe beschlossen, die sich dieses Themas annimmt. Auch deren Mandat wird aus Zeitknappheit erst auf der nächsten Plenarsitzung festgelegt werden.

Entschieden werden konnten immerhin die Austragungsorte der nächsten beiden IPCC-Plenarsitzungen - und deren ungefähres Datum. Frankreich bot an, die kommende Plenarsitzung in Paris - vermutlich im März 2018 - auszurichten. Und Südkorea die folgende, auf der der Sonderbericht zu 1,5°C Grad abgenommen werden wird. Aus logistischen Gründen findet sie etwas später als bisher (für September 2018) vorgesehen, und zwar in der ersten Oktoberwoche 2018, statt. Diese auf den ersten Blick geringe Verschiebung wird vermutlich Konsequenzen für das Verfahren haben, wie intensiv die Ergebnisse des Sonderberichtes zu 1,5°C Grad für den wichtigen 'Facilitative Dialogue' (erste Bestandsaufnahme zu Umsetzung der nationalen Klimapläne), der auf dem Weltklimagipfel 2018 abgeschlossen werden soll, aufbereitet werden können.

 

AutorInnen

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Klima- und Verkehrsreferent
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