Verkehrte grüne Finanzwelt

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Verkehrte grüne Finanzwelt

Blog-Beitrag von Gerrit Hansen, Juli 2017

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Ausgerechnet Teile der Finanzindustrie entwickeln sich zu Treibern einer grünen Transformation der Wirtschaft. Damit am Ende aber nicht die fossile Industrie den längeren Atem hat, müssen klare politische Rahmensetzungen, wirksame Preissignale und gesetzliche Regeln her, um das Pariser Klimaabkommen zu erfüllen.


Spätestens seit der viel beachteten Rede des Vorsitzenden der britischen Zentralbank Mark Carney im September 2015 zur "Tragik des Zeithorizonts" sind Klimarisiken in der internationalen Finanzpolitik und der G20 angekommen. Die tiefgreifende Umstellung in vielen Wirtschaftsbereichen, die die Ziele des Paris-Abkommens erfordern, und veränderte politische Rahmenbedingungen werden zu erheblichen Wertverlusten und -verschiebungen führen, so im Bereich fossiler Ressourcen oder bei der Automobilwirtschaft.

Werden diese Veränderungen nicht rechtzeitig erkannt und eingepreist, können sie aufgrund der tiefen Verwobenheit unseres derzeitigen Wirtschaftsmodells mit fossilen Energien zu systemischen Risiken führen. Zugleich kommt den Finanzmärkten eine zentrale Rolle zu, wenn es darum geht, die Mittel für die große Transformation zu mobilisieren und in die richtige Richtung zu lenken.

Nun scheinen sich ausgerechnet Teile der vielgeschmähten Finanzindustrie zu Treibern einer grundlegenden grünen Transformation der Wirtschaft zu entwickeln. Während Initiativen zur Offenlegung von klimabezogenen Finanzrisiken, zur Korrektur von Preissignalen und zur nachhaltigeren Gestaltung von Finanzierung im diesjährigen G20-Prozess einen schweren Stand hatten, geht die Privatwirtschaft munter voran.

Ein Bündnis von elf Großbanken wie UBS, Santander oder Barclays hat jetzt angekündigt, den Ende Juni veröffentlichten Empfehlungen der Arbeitsgruppe zur Transparenz finanzieller Klimarisiken (TCFD) zu folgen. Über einhundert Vorsitzende multinationaler Unternehmen haben ebenfalls ihre Unterstützung ausgesprochen, darunter neben großen Finanzfirmen auch Industrieriesen wie Tata Steel, Pepsi oder Unilever.

Die industriegeführte Taskforce war im Dezember 2015 im Auftrag der G20-Finanzminister vom Finanzstabilitätsrat ins Leben gerufen worden. Dieser arbeitet seit 2009 im Auftrag der G20 daran, Risiken für die Finanzmärkte frühzeitig zu identifizieren und einzudämmen. Die TCFD sollte Empfehlungen erarbeiten, wie Unternehmen – freiwillig – klimabezogene Risiken gegenüber Investoren, Banken und Versicherern offenlegen können.

Derartige Risiken entstehen aufgrund der realen Auswirkungen des Klimawandels, aber zunehmend auch durch sogenannte Transitionsrisiken. Diese mit der weltweiten Transformation zur treibhausgasneutralen Gesellschaft verbundenen Chancen und Risiken abzuschätzen und das eigene Geschäftsmodell anzupassen ist eine der Kernforderungen der TCFD. Stresstests auf Basis verschiedener Klimaszenarien, die Einführung von CO2-Schattenpreisen sowie Berichte über die Klimastrategie der Unternehmen sind hier zentrale Instrumente.

Neue Märkte

Neben allgemeinen Empfehlungen entlang der Themen Unternehmensführung, Strategie, Risikomanagement und anderen stellt die TCFD auch detaillierte branchenspezifische Leitfäden bereit. Diese wurden für die Finanzindustrie selbst sowie für vier besonders klimarelevante Branchen erarbeitet: Energie, Verkehr, Material- und Bauwirtschaft sowie Lebensmittel, Holz- und Agrarproduktion. Das Ergebnis will die TCFD in den für die Finanzanalysten entscheidenden jährlichen Geschäftsberichten der Unternehmen dokumentiert sehen.

Obwohl die Empfehlungen industriegeführt und freiwillig sind, gab es beim G20-Gipfel in Hamburg dafür eine nur sehr magere Anerkennung. Der G20-Hamburg-Aktionsplan führt die Ergebnisse nur kurz an, im Klimaaktionsplan der G19 sind diese Zusammenfassungen immerhin als Aktions-Punkt notiert. Daraus lässt sich zwar ein Auftrag zum weiteren Handeln herleiten. Politische Führung allerdings sieht anders aus.

Die Unterstützung aus der Finanzwelt zeigt: Die Risiken durch den Klimawandel sind manifest. Unternehmerisch rational kalkulierende Firmen wollen diese Risiken abschätzen und minimieren – aus Eigeninteresse und, im Falle von Finanzinstituten, auch aus treuhänderischer Verantwortung gegenüber ihren Kunden.

Gleichzeitig eröffnet die Wende in Energie, Verkehr und Landwirtschaft natürlich auch neue Märkte und ökonomische Chancen. Diese zu erkennen und zu nutzen ist ebenfalls Gegenstand der TCFD-Empfehlungen.

Was für ein zentrales Instrument des transformativen Wandels die Empfehlungen der Taskforce sind, haben allen voran dessen Gegner erkannt. Im G20-Prozess hat sich die neue US-Regierung zur zentralen Fürsprecherin der fossilen Industrie gemacht. Konsequent stellte sie sich – unterstützt vor allem von Saudi-Arabien – seit dem ersten Finanzministertreffen am 17. und 18. März dieses Jahres in Baden-Baden gegen alles, was eine Verbindung zwischen Finanzflüssen und Nachhaltigkeitskriterien fordert oder auch nur ermöglicht.

Die Erklärung liegt auf der Hand. Die mangelnde Transparenz und der schwierige Zugang zu relevanten Daten machen es Investoren derzeit schwer, das Klima-Risiko einer Anlage richtig einzuschätzen – was kurzfristig im Interesse der fossilen Wirtschaft liegt. Denn "dadurch wird die Umschichtung von Ressourcen in Richtung grüner Anlagemöglichkeiten behindert", schreibt die G20-Studiengruppe für ökologisches Finanzwesen (Green Finance Study Group – GFSG) in ihrem Synthesebericht. Auch die Zukunft der Studiengruppe scheint trotz breiter Unterstützung aus Privatwirtschaft und Zivilgesellschaft derzeit wieder ungewiss.

Dennoch geht es auch in den G20-Staaten voran. Ein Zwischenbericht der GFSG listet Erfolge auf: Rekorde bei Entwicklung und Ausgabe grüner Anleihen und bei grünen Investmentfonds und anderen grünen Finanzprodukten, Etablierung neuer Netzwerke und Institutionen. Die EU hat kürzlich eine hochrangige Expertengruppe zu nachhaltigem Finanzwesen ins Leben gerufen. Diese hat jetzt in ihrem Zwischenbericht dazu aufgerufen, alle öffentlichen Investitionen in fossile Energieprojekte zu stoppen.

Die Luft wird also dünner für die Finanzinteressen der fossilen Wirtschaft. Trotzdem müssen all diesen freiwilligen Bemühungen und Ankündigungen jetzt dringend klare politische Rahmensetzungen, wirksame Preissignale und gesetzliche Regeln zur Durchsetzung des Pariser Klimaabkommens folgen. Sonst könnte die fossile Industrie am Ende doch den längeren Atem haben. 


- Mit finanzieller Unterstützung der Stiftung Mercator. Für den Inhalt tragen Autorin und Germanwatch die Verantwortung. -

- Dieser Beitrag erschien zuerst auf www.klimaretter.info -

Publikationsdatum
7/2017