Germanwatch fordert Transformation der Tierhaltung

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Germanwatch fordert Transformation der Tierhaltung

Antibiotikaminimierung am Ende: Therapiehäufigkeit und Colistin-Resistenzraten bei Masthühnern und -puten steigen

Bild: Fachtagung Antibiotikaminimierung in Nutztierhaltungen
Bildmotiv „Rind, Schwein, Huhn“ von Fotolia/MoreVector

Antibiotika mit höchster Priorität für die Behandlung von Menschen werden häufiger in industriellen Tierhaltungen eingesetzt als noch im Jahr 2011. Das zeigen aktuelle Daten des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) zur Abgabe von Antibiotika von Pharmafirmen an Tierärzte im Jahr 2017. Unterdessen steigen die Resistenzraten gegen Colistin bei Masthühnern und bei Schweinen die gegen Ciprofloxacin – beides laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) Antibiotika mit höchster Priorität für die Humanmedizin (umgangssprachlich vormals „Reseveantibiotika“ genannt).


Jede zweite Hühnerfleischprobe im Supermarkt ist laut staatlichen Untersuchungen mit resistenten Erregern kontaminiert. Zudem zählen Forscher einen hohen Schweinefleischverzehr zu den Risikofaktoren, sich multiresistente Erreger (ESBL) einzufangen. Die Umwelt- und Verbraucherschutzorganisation Germanwatch kritisiert, die Bundesregierung nehme wachsende Risiken für die menschliche Gesundheit billigend in Kauf  zugunsten der Interessen von Fleischkonzernen und industriellen Tierfabriken. Dabei zeigten ebenfalls staatliche Daten, dass sowohl der Antibiotikaeinsatz als auch Resistenzraten mit mehr Tierschutz wie im Ökolandbau oder bei Neuland schnell und erfolgreich gesenkt werden können.
 

Macht Billigfleisch aus Deutschland krank?
Nachbarländer regeln Reserveantibiotika strenger – und brauchen weniger Colistin im Stall

Recherchen von Germanwatch zeigen, dass Billigfleisch aus Deutschland mit erheblich mehr Colistin hergestellt wird als in Frankreich, Schweden oder Dänemark. Reinhild Benning, Tierhaltungsexpertin von Germanwatch, sagt dazu: „Von den Top-5-Antibiotika mit den größten Einsatzmengen in Tierhaltungen in Deutschland, haben zwei Wirkstoffgruppen (Colistin und Makrolide) allerhöchste Priorität für die Rettung von Menschenleben. Doch ausgerechnet für diese Antibiotika fehlen wirksame Regeln gegen den Missbrauch im Stall, es gelten noch nicht einmal die Leitlinien der Deutschen Tierärztekammer als verpflichtend. Hier muss dringend politisch nachgebessert werden.

WHO-Liste der Antibiotikaklassen mit besonderer Bedeutung und höchster Priorität für Humanmedizin 1

Colistin gehört zur Gruppe der Polymyxine (engl. Polymyxins), Flourchinolone gehören zu den Chinolonen (engl. Quinolones)

Germanwatch mahnt, es sei fahrlässig gegenüber der Gesundheit von Mensch und Tier, dass Agrar- und Verbraucherschutzministern Julia Klöckner und Gesundheitsminister Jens Spahn dem Verramschen der für die Humanmedizin wertvollsten Antibiotika in Tierfabriken tatenlos zusehen. Agrarexpertin Reinhild Benning: „Unsere EU-Nachbarn haben längst mit gesetzlicher Strenge und mit politischen Maßgaben für die Preisgestaltung bei Veterinärantibiotika den Einsatz von Colistin und anderen besonders wichtigen Antibiotika erfolgreich gesenkt. Die Bundesministerin für Verbraucherschutz will hingegen bei nur einem einzigen Prozent Verbrauchsrückgang an Antibiotika und steigendem Colistin-Tonnen bei Tierärzten im Jahr 2017 der Bevölkerung eine Erfolgsmeldung verkaufen. Dabei ist im vergangenen Jahr die Fleischproduktion um sogar 2,8 Prozent gesunken. Diese Augenwischerei des Bundeslandwirtschaftministeriums haben wir satt!“

Da bei jedem Einsatz von Antibiotika auch Resistenzen entstehen und verbreitet werden können, fordert Germanwatch, die alarmierend hohen Resistenzraten in Deutschland bei Tieren, an Schlachthöfen, auf Fleisch und in Gewässern müssten notwendig einen Wandel in der Tierhaltung auslösen. In Deutschland sterben jährlich rund 15.000 Menschen, weil multiresistente Erreger Infektionen auslösen und Antibiotika nicht mehr wirken. Laut BVL wurde im Jahr 2007 zuletzt ein neuer Antibiotikawirkstoff zugelassen. Der Medizinschrank der Welt wird mit der Ausbreitung von resistenten Erregern immer leerer und neue Wirkstoffe sind seit 10 Jahren nicht in Sicht. Es besteht daher dringender Handlungsbedarf – insbesondere in der Veterinärmedizin, weil eine bessere Tierhaltung, -fütterung und -zucht den Antibiotikabedarf radikal senken kann, ohne die Versorgung der Bevölkerung zu beeinträchtigen.

Zugleich gilt es den gesundheitlichen und sozialen Schutz von Beschäftigten in industriellen Schlachthöfen und Tierhaltungen wie etwa den sogenannten „Impf- und Fangtrupps“ in Massentierhaltungen massiv zu verbessern, weil exponierte Berufsgruppen laut dem Robert-Koch-Institut besonders hohen Übertragungsrisiken für multiresistente Erreger ausgesetzt sind.

Anlässlich des vom Bundeslandwirtschaftsministerium veröffentlichten Lagebild zur Antibiotikaresistenz im Bereich Tierhaltung und Lebensmittelkette erklärt Germanwatch: Die industrielle Fleisch- und Milchproduktion hierzulande brauchte in den Jahren 2015-2017 jeweils zwischen 700 und 800 Tonnen Antibiotika. Gesunde Tiere, die im Schnitt immer jünger geschlachtet werden, bekommen damit in Deutschland genauso viele Tonnen Antibiotika wie kranke Menschen, die allerdings laut Demographie immer älter werden und deren Bedarf an Antibiotika im Alter tendenziell steigt. Die Tonnage der Veterinärantibiotika sank 2017 im Vergleich zum Vorjahr kaum noch (- 1,2 %), während einige Wirkstoffe mit höchster Priorität für Menschen sogar in steigendem Umfang eingesetzt wurden und damit das Risiko für Resistenzen gegen diese Mittel vergrößert wurde.

Abgabemengen von Antibiotika von Pharmafirmen an Tierärzt 2011-2017 2

WHO: Antibiotika mit höchster Priorität für Menschen

Flour-chinolone

Cephalosporine

Colistin bzw. Polypeptid-antibiotika

Makrolide

 

Vet. Antibiotika gesamt

 

 

3. Generation

4. Generation

 

 

Abgegebene Menge [t] 2011

8,2

2,1

1,5

127

173

 

1706

2012

10,4

2,5

1,5

124

145

 

1619

2013

12,1

2,3

1,5

125

126

 

1452

2014

12,3

2,3

1,4

107

109

 

1238

2015

10,6

2,3

1,3

82

52

 

805

2016

9,3

2,3

1,1

69

55

 

742

2017

9,9

2,3

1,1

74

55

 

733

Veränderung gegenüber 2011 (%)

20,7

9,5

-26,7

-41,7

-68,2

 

57,0

Veränderung 2017 gegenüber 2016 (%)

6,5

0,0

0,0

7,2

0,0

 

-1,2

 

Masthühner und Puten werden wieder häufiger mit Antibiotika behandelt – trotz oder wegen Initiative Tierwohl?

Die Initiative Tierwohl startete 2015, seither setzen sich laut Internetseite der Intiative „Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und Lebensmitteleinzelhandel erstmalig gemeinsam für eine tiergerechtere und nachhaltigere Fleischerzeugung ein. (…) Davon profitieren derzeit rund 600 Millionen Schweine, Hähnchen und Puten. Möglich machen das die teilnehmenden Handelsunternehmen, die den Mehraufwand finanzieren.“

Dürfen Verbraucher bei so vielen Tieren im Tierwohlprogramm der Fleischwirtschaft und des Handels nicht auch mit einem positiven Effekt auf die Tiergesundheit und die Antibiotikaminimierung rechnen? Die Zahlen im Lagebild auf der Internetseite des BMEL weisen leider in die entgegengesetzte Richtung. Mit Bezug zur Antibiotika-Therapiehäufigkeit heißt es dort: „Bei den Masthähnchen steigen die Kennzahlen seit dem Tiefpunkt im 2. Halbjahr 2015 wieder an, bei Puten wurde der Tiefpunkt im 2. Halbjahr 2016 erreicht. Auch hier ist im 1. Halbjahr 2017 ein Anstieg zu verzeichnen.“

Seit 2015 steigende oder stagnierende Häufigkeit der Antibiotika-Therapien 3

Reinhild Benning von Germanwatch erklärt dazu: „Geflügelfleisch wie Hähnchenbrust, Putenstreifen oder Geflügel-Nuggets stammen fast immer aus industrieller Tierhaltung und Qualzucht. Die Kennzeichnung einiger Discount-Konzerne auf Fleisch und die Regeln der Initiative Tierwohl bei Schweinen sind ohne maßgebliche Mitbestimmung von Tierschutz- und Umweltorganisationen entstanden und somit wenig aussagekräftig. Dass seit Bestehen der Initiative Tierwohl häufiger Antibiotika an Masthühner und Puten verabreicht werden, sollte die verantwortliche Agrarministerin Julia Klöckner und die beteiligte Wirtschaft zum Systemwechsel bei der Label-Frage bewegen: Tierwohl-Label ohne Tierschutzverbände verdient kein Vertrauen. Nachhaltig wird die Initiative nur, wenn Nichtregierungsorganisationen ohne Profitorientierung, aber mit Jahrzehnten der Recherchen und Erfahrungen in der artgerechteren, antibiotikaarmen Tierhaltung, die Regeln für die Fleischkennzeichnung maßgeblich mitbestimmen. Vorschläge dazu liegen auf dem Tisch, jetzt kommt es darauf an, ob die Agrarministerin endlich die Zivilgesellschaft maßgeblich einbezieht."

Germanwatch fordert die zuständigen BundesministerInnen Julia Klöckner und Jens Spahn auf, die Strategie zur Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen in Deutschland auf nachhaltige Fundamente zu stellen und wenigstens auf das Niveau von EU-Nachbarländern zu bringen. Die aktuellen Daten zeigten, dass das Instrument der Erfassung von Antibiotikamengen in einigen wenigen Teilen der Landwirtschaft ein hilfreicher Anfang war, doch bei Weitem nicht ausreicht für eine weitere Reduktion von Antibiotikaeinsätzen und ganz und gar nicht das einzige Instrument in der Praxis bleiben darf.
 

Germanwatch-Empfehlungen an Bund und Länder

  1. Gesetzlich verbesserter Tierschutz als beste Vorsorge
  • Tierschutz im Stall gesetzlich verbessern: Mehr Platz je Tier plus Auslauf im Freien, artgerechte Fütterung, Verbot der Qualzucht, Zuchtziele gesetzlich neu justieren
  • Obergrenzen für Tierzahl je Tierhaltung festlegen: Maximal 2 Rinderäquvalente je Hektar und regionale Abstockung der Tierbestände in viehdichten Regionen. Flächenlose Tierhaltung beenden.
  • Dazu Spielräume bei Verteilung der EU-Agargelder vollständig nutzen für Umbau zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung: Bauernhöfe müssen Tierschutz finanzieren können.
  • 30 % Ökolandbau bis 2025 und ergänzend 50 % aller Tiere in Haltungen gemäß Premiumstufe der Definition von Non-Proftit-Organisationen
  • Abkehr von der Exportorientierung des BMEL bei Fleisch- und Milch

Schwermetalle im Futter strenger regulieren, da z. B. Zink und Kupfer im Futter Antibiotikaresistenzen begünstigen können.

  1. Arzneimittelgesetz (AMG) deutlich nachbessern:
  • Die Bundesregierung braucht ein Ziel für die Antibiotikareduktion: Maximal 50 mg (PCU) Antibiotika je kg Nutztier bis 2020 und maximal 20 mg/ kg (PCU) bis 2025
  • Verbot von besonders wichtigen Antibiotika mit höchster Priorität für Menschen (gemäß WHO-Liste) in industriellen Tierhaltungen und bei Hochleistungskühen
  • Antibiogrammpflicht beim Einsatz von Antibiotika
  • Erfassung des Antibiotikaverbrauchs bei allen Nutztieren (auch Kühe, Brütereien, Elterntierfarmen, Fische, Enten, Pelztiere, u. a.) in täglicher Dosis je Körpergewicht; Auswertung differenziert nach Tierschutz-Niveau
  • Rabatte auf Veterinär-Antibiotika beenden durch Festpreise (Antibiotikaabgabe)
  • Zugelassene Alt-Antibiotika auf Umweltwirkung prüfen
  • Risikobasiertes, wirtschaftsfinanziertes Monitoring der AMR-Belastung an Gewässereinleitungen von Schlachthöfen – je größer der Schlachthof desto dichter die Kontrollen.
  • Risikobasiertes, wirtschaftsfinanziertes Monitoring der AMR-Belastung an Gülleflächen auf Basis des Antibiotikaverbrauchs.
  • Badegewässer-RL ergänzen und risikobasiert während der Saison alle 4 Wochen auf Resistenzen testen

Externe Kosten nach Verursacherprinzip auf Fleischwirtschaft umlegen.

  1. Kennzeichnungspflicht einführen: Verbraucherinnen und Verbraucher müssen mitmachen können bei Tierschutz und Antibiotikareduktion:
  • Kennzeichnungspflicht für Fleisch, Milch und andere tierische Lebensmittel nach Vorbild Eier mit Kriterien für Zucht, Haltung, Fütterung, Herkunft &Transport, Schlachtung, u.a.

1 www.who.int/foodsafety/publications/cia2017.pdf?ua=1
2 Eigene Darstellung Germanwatch nach BVL 2018
3 BVL 2018: Lagebild zur Antibiotikaresistenz im Bereich Tierhaltung und Lebensmittelkette, S. 8,9

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