Antibiotikaresistenzen: Problem erkannt, aber die Lösung ist halbherzig

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Antibiotikaresistenzen: Problem erkannt, aber die Lösung ist halbherzig

Weitblick 2/2017: Schweinemast
Die nicht artgerechte, industrielle Tierhaltung treibt den Einsatz von Antibiotika in die Höhe. Foto: Deutsches Tierschutzbüro e.V./Jan Peifer

 
Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass Krebs als derzeit global häufigste Todesursache in absehbarer Zeit wieder von Infektionen abgelöst wird. Schon 2050 könnten über zehn Millionen Patienten jährlich sterben, weil Antibiotika nicht mehr wirken.

Weltweit kommen Antibiotika bei der Bekämpfung von Tuberkulose, Lebensmittelinfektionen (z. B. Salmonellose), Malaria und bei Epidemien wie Ebola eine zentrale, oftmals lebensrettende Bedeutung zu. Allerdings werden durch den immer häufigeren und oft nicht sachgerechten Einsatz immer mehr Erreger resistent, oft gleich gegen mehrere Antibiotika. Der Werkzeugkasten der Medizin leert sich zusehends.

Deutschland hat den Kampf gegen zunehmende Antibiotikaresistenzen zu einem wichtigen Thema seiner G20-Präsidentschaft gemacht, und konnte dabei erste Erfolge erzielen: Die G20-AgrarministerInnen versprachen einen Fahrplan für das Ende antibiotischer Wachstumsförderer in Tierhaltungen. Die G20-GesundheitsministerInnen setzen sich für eine ärztliche Verschreibungspflicht für Antibiotika ein. Dies sind wichtige Vorhaben, doch ohne konkrete Ziel- und Zeitvorgaben drohen sie bloße Absichtserklärungen zu bleiben.

Über 75 Prozent der jährlich in der EU und den USA verbrauchten Antibiotika werden in der „modernen“ industriellen Fleisch- und Milcherzeugung eingesetzt. Setzt sich der bisherige Trend fort, wird bis 2030 der Antibiotikaeinsatz bei Tieren weltweit um etwa zwei Drittel steigen, in vielen Schwellenländern sogar verdoppelt, wenn industrielle Systeme traditionelle Tierhaltungen ersetzen. Schweine in ökologischen und bäuerlichen Haltungen weisen Studien zufolge deutlich geringere Belastungen mit Antibiotikaresistenzen auf als die in konventionellen und großen Stallanlagen.

Zugang zu wirksamen Antibiotika – oder zu billigen tierischen Proteinen?

Wenn die Weltgemeinschaft Infektionen und Epidemien endlich besser in den Griff bekommen will, benötigt sie wirksame Antibiotika. Nicht notwendig ist Fleisch aus industrieller Massentierhaltung für die preiswerte Versorgung der Bevölkerung mit Eiweiß – wie oft behauptet wird. Schon gar nicht darf Billigfleisch durch ein viel größeres Risiko antibiotikaresistenter Erreger erkauft werden.

Antibiotikaresistenzen wirkungsvoll zu bekämpfen heißt, die Ursachen anzugehen: In der Humanmedizin sind etwa Patientenaufklärung, Zugang zu sauberem Wasser und Hygiene Schlüsselmaßnahmen. In der Landwirtschaft gilt es, den Trend zu industriellen Tierhaltungen umzukehren zugunsten einer antibiotikaarmen Tierhaltung in bäuerlichen Betrieben. Die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als für den Menschen besonders wichtig definierten Reserveantibiotika sollten in der Tierhaltung verboten werden. Pharmafirmen sind aufgefordert, die hochgefährliche Ausbreitung von Antibiotikarückständen und -resistenzen aus Arzneimittelfabriken in Indien, China und andernorts zu stoppen, die – mangels Umweltschutz – die Konzerne selbst verantworten.
 

Reinhild Benning

27. Juni 2017
zuletzt geändert: 27. Juni 2017