Meldung | 27/01/2021 - 14:49

Stellungnahme zu einem Artikel von Axel Bojanowski (welt.de)

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In einem am 26.01.2021 auf welt.de erschienenen Artikel stellt der Journalist Axel Bojanowski eine Reihe von falschen oder teilweise falschen Behauptungen in Bezug auf unseren Klima-Risiko-Index 2021 auf. Diese stellen wir in diesem Beitrag richtig. Insbesondere offenbart Herr Bojanowski, dass er sich weder mit dem Klima-Risiko-Index noch der Datenbank des NatCatSERVICE der MunichRe hinreichend befasst hat. Wir hätten ihn gern vor Veröffentlichung seines Artikels auf Fehler hingewiesen, wenn er uns Gelegenheit dazu gegeben hätte. Herr Bojanowski verzichtete aber auf die im Sinne eines guten Journalismus eigentlich übliche Vorgehensweise, im Zuge seiner Recherchen die Kritisierten zu kontaktieren und um eine Stellungnahme zu bitten.

 

 

Unsere Reaktion im Einzelnen:

 

 

Erfassung von Extremwetterereignissen im MunichRe NatCatSERVICE

 

Anders als Herr Bojanowski behauptet, beruhen die Daten des MunichRe NatCatSERVICE  keineswegs nur oder vor allem auf Zahlen von Versicherern. Die Datenbank bezieht eine Vielzahl von Quellen in ihre Berechnung der weltweiten Schäden ein. Dazu zählen unter anderem Daten von UN-Institutionen und internationalen Katastrophenhilfswerken, offizielle Zahlen von Regierungen, Daten von meteorologischen Diensten, Analysen von Universitäten und Forschungseinrichtungen, Berichterstattungen in Zeitungen etc. Darüber hinaus bestehen umfangreiche Kooperationen zur Validierung der Daten mit anderen Forschungseinrichtungen, u.a. der internationalen Datenbank für Naturkatastrophen EM-DAT, sowie die Mitgliedschaft in Gremien und Arbeitsgruppen von UN-Organisationen, z.B. des “Integrated Research on Disasters” des Internationalen Wissenschaftsrats. Damit ist der MunichRe NatCatSERVICE die umfassendste Schadensdatenbank für Naturkatastrophen weltweit, in der auch kleine Ereignisse (egal ob versichert oder unversichert) zuverlässig erfasst werden.

 

 

Der Klima-Risiko-Index ist kein “Klimawandel-Ranking”

 

“Der Globale Klima-Risiko-Index zeigt, wie stark Länder von Wetterextremen wie Überschwemmungen, Stürmen, Hitzewellen etc. betroffen sind. Berücksichtigt wurden die aktuellsten verfügbaren Daten für 2019 und von 2000 bis 2019.” So der Einstieg unserer Darstellung zum Index auf der Homepage. Anders als Herr Bojanowski behauptet, stellen wir mehrfach in unserem Klima-Risiko-Index klar, dass es sich nicht einfach um ein Ranking handelt, das die Länder in ihrer Betroffenheit durch den Klimawandel bewertet. Im Index wird, bevor die Ergebnisse dargestellt werden, auf Seite 3 im Detail beschrieben, wie der Klima-Risiko-Index zu interpretieren ist. Unter anderem wird klargestellt:

 

“Der Index darf jedoch nicht mit einer umfassenden Bewertung der Klimaanfälligkeit verwechselt werden. Er stellt nur ein wichtiges Teil im Gesamtpuzzle der klimabedingten Auswirkungen und der damit verbundenen Verwundbarkeit dar. Der Index konzentriert sich auf extreme Wetterereignisse wie Stürme, Überschwemmungen und Hitzewellen, berücksichtigt aber nicht wichtige, langsam ablaufende Prozesse wie den Anstieg des Meeresspiegels, das Abschmelzen der Gletscher oder die Erwärmung und Versauerung der Ozeane. Er basiert auf Daten der Vergangenheit und sollte nicht als Grundlage für eine lineare Projektion zukünftiger Klimaauswirkungen verwendet werden. Insbesondere sollten keine allzu weitreichenden Schlussfolgerungen für politische Diskussionen darüber gezogen werden, welches Land oder welche Region am stärksten durch den Klimawandel gefährdet ist. Auch ist zu beachten, dass das Auftreten eines einzelnen Extremereignisses nicht ohne weiteres auf den anthropogenen Klimawandel zurückgeführt werden kann. Dennoch ist der Klimawandel ein zunehmend wichtiger Faktor, der die Wahrscheinlichkeit des Auftretens und die Intensität dieser Ereignisse verändert. Es gibt eine wachsende Zahl von Forschungsarbeiten, die sich mit der Zuordnung des Risikos von Extremereignissen zu den Einflüssen des Klimawandels befassen.”

 

 

Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und Extremwetterereignissen

 

Der Klima-Risiko-Index analysiert die quantitativen Auswirkungen extremer Wetterereignisse - sowohl in Bezug auf die Todesopfer als auch auf die entstandenen wirtschaftlichen Schäden. Wissenschaftlich ist gut belegt, dass der anthropogene Klimawandel Extremwetterereignisse verändert[1]. Viele Studien kommen zu dem Schluss, dass "sich die beobachtete Häufigkeit, Intensität und Dauer einiger extremer Wetterereignisse mit der Erwärmung des Klimasystems verändert hat”[2]. Auch der 1,5 Grad-Bericht des Weltklimarats stellt fest, dass “die vom Menschen verursachte globale Erwärmung bereits mehrere beobachtete Veränderungen im Klimasystem verursacht (hat)”[3]. Dazu gehören “(...) häufigere Hitzewellen in den meisten Landregionen (hohes Vertrauen). (...) Weiterhin gibt es erhebliche Hinweise darauf, dass die vom Menschen verursachte globale Erwärmung zu einer Zunahme der Häufigkeit, Intensität und/oder Menge von Starkniederschlagsereignissen auf globaler Ebene (mittleres Vertrauen) sowie zu einem erhöhten Dürrerisiko im Mittelmeerraum (mittleres Vertrauen) geführt hat”[4]. Bei tropischen Zyklonen geht eine Vielzahl von Wissenschaftler_innen davon aus, dass sich die Gesamtanzahl nicht vergrößert, evtl. sogar verringert, der Klimawandel aber das Auftreten von sehr schweren Wirbelstürmen begünstigt.[5]

 

Schon bisher hat sich die Anzahl sehr starker Wirbelstürme vergrößert. Der Anteil der von Satelliten bestimmten Hurrikans der stärksten Kategorien 3, 4 und 5 an allen Stürmen von Hurrikanstärke stieg von 1979 bis 2017 um ein Viertel, von 32 Prozent auf 40 Prozent.[6]

 

 

Deutschland im KRI

 

Deutschland gehört nicht zu den weltweit meistbetroffenen Ländern, ist im Langfrist-Index des Klima-Risiko-Index aber immerhin auf Rang 18 gelistet - mit laut MunichRe NatCatSERVICE Datenbank insgesamt mehr als 10.700 Todesopfern und durchschnittlichen wirtschaftlichen Schäden von etwa 3,5 Mrd. Euro pro Jahr (in Kaufkraft-Paritäten). Verantwortlich dafür sind vor allem Hitzewellen mit vielen Todesopfern wie 2018 oder die europäische Hitzewelle 2003, die allein in Deutschland über 9000 Todesopfer gefordert hat. Zu den Hitzetoten in Deutschland gibt es aktuelle Studien z.B. des Umweltbundesamtes (2019) oder in der renommierten medizinischen Fachzeitschrift The Lancet (2020). Diese gehen sogar von noch höheren Zahlen aus, als in der Datenbank des NatCatSERVICE ausgewiesen.
 

Auch Stürme und Flutkatastrophen spielen vor allem wegen ihrer großen wirtschaftlichen Schäden eine bedeutende Rolle für diese Platzierung. Verlustreiche “Sturmjahre” waren vor allem 2007 (> US$ 6 Mrd.) und 2013 (> US$ 8 Mrd.). Bei den Flutkatastrophen besonders 2002 (Elbe-Jahrhunderthochwasser) und 2013 mit jeweils über US$ 10 Mrd. Schaden.

 

 

Länder bereiten sich besser auf Extremwetterereignisse vor
 

Im Klima-Risiko-Index wird auch - entgegen der Behauptung von Herrn Bojanowski - thematisiert, wie sich die Vorbereitung der Länder auf potentielle Extremwetterereignisse in den letzten Jahrzehnten verbessert hat. Eines der zentralen Ziele des Indexes ist es, die zentrale Rolle von Anpassungsmaßnahmen zur Verringerung der Klimarisiken gerade auch in ärmeren Ländern zu betonen. Deshalb haben wir in diesem Jahr den Index auch anlässlich einer internationalen Veranstaltung zur Klimaanpassung veröffentlicht.
 

Unter anderem wird im Index etwa die Entwicklung in Bangladesch skizziert. Das Land, das insbesondere von tropischen Zyklonen heimgesucht wird, konnte seine Vorbeugung deutlich verbessern. Die Zahl der Todesopfer aufgrund dieser Art von Katastrophen wurde so in den fast 40 Jahren zwischen 1970 und 2007 um mehr als das 100-fache reduziert (von 500.000 im Jahr 1970 auf 4234 im Jahr 2007), indem Maßnahmen wie Frühwarnsysteme und Evakuierungspläne umgesetzt sowie Schutzräume vor Zyklonen eingerichtet und die Kommunikation verbessert werden konnte[7] (S. 22 im Index). Trotz dieser positiven Beispiele zeigt sich aber, dass der Großteil der Länder noch nicht ausreichend auf Extremwetterereignisse vorbereitet ist. Laut Sendai-Rahmenwerk der Vereinten Nationen haben bisher erst 40 der 195 Unterzeichnerstaaten nationale und lokale Strategien zur Katastrophenvorsorge entwickelt (S. 25 im Index). Die zum Teil erhebliche Verbesserung der Risikovorsorge etwa in Bangladesch steht in keinerlei Widerspruch zum Ranking des KRI. Ohne diesen verbesserten Umgang mit Stürmen und die bessere Vorbereitung wäre die Zahl der Todesopfer mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit deutlich höher.

 

 

“Germanwatch fordert finanzielle Unterstützung für betroffene Entwicklungsländer”
 

Industrieländer haben sich 2009 auf dem UN-Klimagipfel in Kopenhagen verpflichtet, bis 2020 jährlich 100 Milliarden US-Dollar aus öffentlichen und privaten Quellen für Klimaschutz und Anpassung in Entwicklungsländern zu mobilisieren (UNFCCC 2009)[8]. Germanwatch fordert von den Industrieländern diese Verpflichtung umzusetzen und die entsprechenden Mittel aufzubringen um betroffene Entwicklungsländer und besonders verwundbare Menschen bei Klimaschutz und der Anpassung an den Klimawandel zu unterstützen.

Nach aktuellem Stand werden die Industrieländer das 100 Milliarden US-Dollar Ziel voraussichtlich nicht erreichen.[9] Schätzungen des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) zeigen zudem, wie weit diese Summen noch vom tatsächlichen Bedarf der Länder entfernt sind, die mit den Klimaauswirkungen zu kämpfen haben:  Selbst bei einem Temperaturanstieg von unter 2°C wird erwartet, dass die Anpassungskosten bis 2030 auf bis zu 300 Milliarden US-Dollar[10] pro Jahr steigen werden - möglicherweise sogar noch weiter - und dies deckt noch nicht die Kosten für die zusätzlich auftretenden klimabedingten Schäden und Verluste. Bisher werden dafür international - trotz des schnell steigenden Bedarfs - noch kaum zusätzliche Gelder zur Verfügung gestellt. Für Entwicklungsländer könnten die geschätzten Kosten für verbleibende Verluste und Schäden laut Markandya/González-Eguino (2018)[11] auf 290 bis 580 Milliarden US-Dollar im Jahr 2030 steigen.

 

 


[1] https://agupubs.onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/2016JD025480, https://www.ametsoc.org/index.cfm/ams/about-ams/news/news-releases/heatwaves-droughts-and-floods-among-recent-weather-extremes-linked-to-climate-change/

[2] https://www.nap.edu/read/21852/chapter/1

[3] https://www.ipcc.ch/sr15/chapter/chapter-3/

[4] https://www.ipcc.ch/sr15/chapter/chapter-3/

[7] Haque, U, Hashizume, M., Kolivras, K.N., Overgaard, H.J., Das, B. & Yamamotoa, T. 2012. Reduced death rates from cyclones in Bangladesh: what more needs to be done? Bulletin of the World Health Or-ganisation, 90(2), 150–156.

[8] https://unfccc.int/resource/docs/2009/cop15/eng/l07.pdf

[9] siehe OECD (2020), https://www.oecd.org/newsroom/climate-finance-for-developing-countries-rose-to-usd-78-9-billion-in-2018oecd.htm

[10] https://www.unenvironment.org/resources/adaptation-gap-report-2020

[11] Markandya, A./ González-Eguino, M. 2018: Integrated Assessment for Identifying Climate Finance Needs for Loss and Damage: A Critical Review. In: Mechler R./ Bouwer, L./ Schinko, T./ Sur-minski, S./ Linnerooth-Bayer, J. (eds): Loss and damage from climate change. Concepts, methods and policy options. Springer, 343-362.

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