Blogpost | 28/12/2015

Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) und Lebensstile als zivilgesellschaftliches Thema am Rande der Klimaverhandlungen in Paris (COP21)

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Blog-Beitrag von Alexander Reif und Stefan Rostock, Dezember 2015

Bildung war trotz des lobenswerten 'education day' am 4. Dezember innerhalb der Pariser Klimaverhandlungen (COP21) kein dezidiertes Fokusthema. Es wurde jedoch von zivilgesellschaftlichen Akteuren auf vielfältigen Plattformen am Rande der COP21 in den Fokus gerückt. Die climate generations area, also das mit und für die Zivilgesellschaft organisierte Rahmenprogramm der UN-Klimaverhandlungen bot zahlreiche Side-Events und Infostände, die Bildung für nachhaltige Entwicklung aus unterschiedlicher Perspektive beleuchteten. Hier war auch Germanwatch mit der Ausstellung Klima? Wandel. Wissen! Neues aus der Klimawissenschaft vertreten. Auch das Climate Forum und die Zone d'Action pour le Climat (ZAC) - beides zivilgesellschaftlich organisierte Foren und Aktionsplattformen des Austauschs, Protests und Handelns - widmeten sich einem lernenden Zielpublikum und brachte zahlreiche Aktive und Engagierte auf der Straße und an alternativen Orten in Paris zusammen.

Foto: Germanwatch
Der Wunschbaum für das Klima - ein Ort für Visionen und Lösungen. Auf einem Wunschzettel steht auf Spanisch: "Bildung ist die Lösung [...]".

Ein spannender Ansatz für die Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) wurde auf einem Side-Event der französischen Organisation Association 4D vorgestellt. Das Projekt Our Life 21 hat das Ziel, eine gemeinsame Vision für die Zukunft zu entwickeln und diese auf unterschiedliche individuelle Lebensstile zu projizieren. Es geht darum zu zeigen, was diese Vision ganz konkret für unser alltägliches Leben bedeuten kann. Dabei werden zukunftsfähige, emissionsarme bzw. später emissionsfreie und wünschenswerte Lebensstile aus der Zukunft - konkret aus dem Jahr 2050 - aus unterschiedlichen Ländern und unterschiedlichen sozio-ökonomischen Kontexten errechnet und visuell aufbereitet. Dieser Ansatz ist vielversprechend, weil er die in Wissenschaft und Klimapolitik oft genutzten und debattierten globalen Szenarien und Entwicklungspfade in konkrete, lokale, persönliche oder familiäre, d.h. sich vorstell- und greifbare Bilder und Kontexte übersetzt. Es wird danach gefragt wie ein klimaschutzkompatibler Lebensstil aussehen kann,  z.B.: Wie viel Energie wird in Zukunft von einer Studierenden-WG in Deutschland genutzt? Wie wird eine Familie in Indien konsumieren? Wie sieht die Wohn- und Mobilitätssituation in US-amerikanischen Vororten aus? Wie kann der Wandel also nicht nur für Staaten, sondern auch für einzelne Haushalte aussehen, um mit einem 2° C oder 1,5° C Transformations-Szenario kompatibel zu sein? Diese Übersetzungsleistung leistet Our Life 21 durch Portraits fiktiver Beispiel-Haushalte aus 9 Staaten aus dem Jahr 2050 .

Das Projekt kann dabei helfen, Menschen die Angst vor dem notwendigen Wandel der Lebensstile zu nehmen und auch deutlich die positiven Auswirkungen davon aufzuzeigen. Für die Bildungsarbeit reicht es eben nicht aus, auf abstrakter Ebene die Notwendigkeit des Wandels und seine Machbarkeit weltweit zu betonen, sondern es ist vielmehr wichtig, die Menschen für diesen Wandel zu begeistern, sodass sie sich angstfrei eine nachhaltige Zukunft vorstellen können und sich für diese selbst einsetzen und mitgestalten. Eine These von Our Life 21 lautet, dass Bürgerinnen und Bürger einen ambitionierten Klimaschutz noch stärker unterstützen, wenn sie sich selbst in eine zukunftsfähige und klimafreundliche Welt, z. B. im Jahr 2050, hineinversetzen können.

Foto: Ursula Hagen
Alexander Reif, Referent Bildung für nachhaltige Entwicklung bei Germanwatch (re.) mit Pierre Radanne (m.) und Faustine Bidaud (li.) von Association 4D auf dem Panel des Side-Events von Our Life 21 in Paris.

Auf diesem Side-Event konnte sich Germanwatch auf dem Podium einbringen und darlegen, dass es nicht nur wichtig ist diese Vision zu entwickeln und in konkrete Bilder zu übersetzen, sondern dass gleichzeitig auch BNE die notwendigen Kompetenzen vermitteln muss, um diesen Wandel mitzugestalten. Wir benötigen neben einer wohlwollenden Haltung für den Wandel eben auch Akteure, die bereit sind, eine Dekarbonisierung im Kleinen wie im Großen selbst mitzutragen und anzuschieben und die wissen, wie und wo sie damit anfangen können. Dabei sollte nicht nur die Reduzierung des eigenen Fußabdrucks im Vordergrund stehen, sondern auch Wege und Ansätze, wie man seinen Handabdruck des persönlichen Engagements vergrößern kann. Hierfür gilt es positive Handlungsansätze zu entwickeln, die das politische Engagement vergrößern und strukturverändernde Handlungen initiieren. Der Germanwatch Hand Print setzt als Konzept genau dort an und zeigt auf, wo man selbst auf unterschiedlichen Ebenen den Wandel mitgestalten kann, aber auch wie wichtig es ist, durch politisches Engagement bei Wirtschaft und Politik bestimmte gesetzliche Rahmenbedingungen und Geschäftsmodelle einzufordern.

Ein weiterer spannender und bereichernder BNE-Ansatz auf der COP21 wurde auf einem Side-Event des International Environment Forum  mit dem Titel "Values-based climate change education" diskutiert. Es wurde die Bedeutung einer wertebasierten Bildung für eine nachhaltige Gesellschaft herausgearbeitet und die Frage gestellt, welche Rolle die SDGs dabei spielen können. Die Diskrepanz zwischen den eigenen Wertevorstellungen und deren tatsächliche Anwendung beschreibt ein zentrales Missverhältnis in der Gesellschaft. Dabei gäbe es keine einheitliche Gemeinsprache, um über Werte zu diskutieren. Die Fragestellung ist also zunächst wie Werte kommuniziert und diskutiert werden können. Meistens herrscht im Bildungsfeld ein pädagogischer Top-Down-Ansatz vor, der selten eine persönliche Auseinandersetzung mit Werten - und noch seltener eine intrinsische Motivation zu nachhaltigem Verhalten - hervorruft.

Während Lehre und Gesellschaft heutzutage vor allem materialistische Werte vermittle, gilt es durch eine wertebasierte Bildung eine vertiefte Verbundenheit mit der Welt, die Stimulation intrinsischer Güte, Empathie, Entwicklung von Menschlichkeit und Stärkung des Gemeinschaftsgedankens und Kooperation voranzubringen. Dadurch werde der Erhalt der Lebensgrundlagen und Schutz der Natur im persönlichen Leben (wieder) zu etwas Selbstverständlichem. Victoria Thoresen, UNESCO Vorsitzende für Bildung und nachhaltige Lebensstile am Hedmark University College in Norwegen und Präsidentin von "Partnership of Education about Responsible Living" (PERL) formulierte es so: "what we need is a curriculum of the human being". Laut Thoresen ist bereits die Entwicklung der SDGs ein Neudenken des Wohlstandsbegriffes und Werten. Die Implementierung soll Lernenden helfen zu Verstehen wie Nachhaltigkeitswerte mit dem täglichen Leben verbunden sind und sie soll sich darauf fokussieren Weltbürgertum weiterzuentwickeln.           
Bildung für nachhaltige Entwicklung wird im Jahr 2016 und darüber hinaus eine besondere Rolle bei der Umsetzung des Pariser Klimaabkommens und der SDG auf individueller und lokaler Ebene spielen. Der Ansatz von Our Life 21 in Bezug auf Lebensstile und Konsummuster, der Germanwatch Handabdruck in Bezug auf strukturveränderndes Handeln und politisches Engagement, eine wertebasierte BNE für die Auflösung der Diskrepanz zwischen Wissen/Haltung/Werten einerseits und Handeln andererseits, die Debatte um nachhaltigen Konsum als gesamtgesellschaftliche Aufgabe innerhalb der Verbraucherzentralen sowie die Agenda 2030 und das Pariser Klimaabkommen als Rahmen werden die Germanwatch Bildungsarbeit in 2016 weiter beschäftigen.


- Gefördert von Engagement Global aus Mitteln der Europäischen Union und des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Für den Inhalt ist alleine Germanwatch verantwortlich. -

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