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Die europäische Fischereipolitik gefährdet die Lebensgrundlage westafrikanischer Fischer

 

Hintergrund

Konsumgewohnheiten und europäische Importe

Nur noch ein Viertel des deutschen Fischkonsums kann aus eigener Produktion gedeckt werden. Auch alle EU - Staaten zusammen müssen über die Hälfte der hier verzehrten Fische einführen. Die Schere zwischen Konsum und Produktion öffnet sich jährlich um 15-20%. Der Grund liegt nicht nur in dem deutlich gestiegenen Verzehr, sondern auch in der notwendig gewordenen Reduktion der Fangmengen in europäischen Gewässern, da diese überfischt sind. 

Europäische Fischereipolitik

Da die Fischereiflotten nicht im gleichen Maßstab wie die Fangmengen abgebaut wurden, existieren derzeit zu hohe Fangkapazitäten. Der Kampf um die Märkte hat in den letzten Jahren mehrfach die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erregt, etwa wenn es zu handgreiflichen Konflikten zwischen iberischen und französischen Fischern kam oder englische Fischer ausländische Fischkutter am Einlaufen zu hindern suchten. 

Die EU schließt seit vielen Jahren Fischereiabkommen ab. Das Ziel ist es, die Fischversorgung der Bevölkerung zu sichern, die eigenen Bestände zu schützen und die europäische Fischindustrie zu protektionieren. Derzeit existieren mit 16 AKP (Afrika, Karibik, Pazifik) - Staaten Fischereiabkommen, die den Zugang der EU-Flotte in den 200-Meilen Zonen regeln. Diese Zonen sind Wirtschaftsgebiete, die jedem Land zur exklusiven Nutzung zur Verfügung stehen, solange es nicht Nutzungsverträge mit anderen Staaten darüber abschließt. 

Fischereiabkommen mit Senegal

Auch mit Senegal existiert ein solches Abkommen. Die dort festgelegten Fangmengen sollen sich an wissenschaftlich empfohlenen Höchstfangmengen orientieren, aber selbst die EU-Kommission räumt ein, daß Empfehlungen internationaler Gremien und EU-geförderter Forschungsinstitutionen mißachtet wurden. So wurde 1992 der Zugang der EU-Flotten zu Küstenbodenfischen in einem Abkommen um 57% erhöht, obwohl das marine Forschungsinstitut festgestellt hatte, daß die Fänge bereits um 23% zu hoch liegen. Zwar wurde inzwischen der Zugang von europäischen Trawlern wieder stärker beschränkt, allerdings wird geschätzt, daß durch verbesserte Fangausrüstungen, die effektiven Fangmengen mindestens auf dem - zu hohen - Niveau von 1992 geblieben sind. Einige Vorkommen küstennaher Bodenfische wurden inzwischen sogar gänzlich leergefischt. 

Verschwendung knapper Ressourcen durch industrielle Fangmethoden

Die industriellen Fischfangmethoden gehen mit den knappen Vorräten an Fisch besonders verantwortungslos um. Weltweit wird etwa ein Drittel der Menge aller Fischanlandungen gleich wieder ins Wasser geworfen. Bei der Garnelenfischerei vor der Küste Senegals sieht es noch schlimmer aus: pro Tonne gefangener Garnelen wird mindestens eine Tonne Fisch unerwünschter Arten wieder zurückgeworfen. Traditionelle Fischerei geht mit den knappen Ressourcen verantwortungsvoller um: was gegessen werden kann, wird auch angelandet und weiterverarbeitet. 

Moderne Fischerei stört zudem die Regeneration der Fischbestände, weil die großen Grundschleppnetze die Bodenflora und damit Laichgebiete zerstören. Mit den handwerklichen Fischmethoden der einheimischen Fischer kann das nicht passieren. 

Kompensationen kommen nicht bei den Betroffenen an

Für den Aufkauf der Fischfangquoten von anderen Staaten wird inzwischen mehr als die Hälfte aller Gelder der EU für Fischereipolitik verwendet. Diese Kompensationen gehen aber nicht an die geschädigten Kleinfischer, sondern müssen zur Rückzahlung der Schuldenberge verwendet werden oder nützen nur der Elite eines Landes. Im Falle Senegals werden gerade 1% der Kompensationen zur Förderung der traditionellen oder handwerklichen Fischer verwandt. Wie in anderen Handelsverträgen, dienen Kompensationen zur Legitimation unverantwortlicher Politik und wandern in die falschen Taschen. Ziel muß es sein, die richtige Politik zu machen und nicht die falschen Leuten für falsche Politik zu bezahlen.

Illegale Praktiken europäischer Fischflotten

Zunehmend werden illegale Praktiken europäischer Trawler beobachtet. Zum einen befinden sich in den westafrikanischen Gewässern viel mehr europäische Trawler als es gemäß der Abkommen erlaubt ist. Im benachbarten Guinea-Bissau wurden zum Beispiel 150 Boote beobachtet, obwohl nur 80 Boote eine Genehmigung hatten. Im Senegal existiert eine 6-Meilen-Zone vor der Küste, für die die industrielle Fangflotte Europas kein Zugangsrecht hat. Le Monde Diplomatique und andere berichten jedoch, wie nachts die Trawler mit abgeblendetem Licht in diese Zonen hineinfahren und dort Raubzüge begehen. Diese Raubzüge schaden den lokalen Fischern am meisten, da sie keine Möglichkeiten haben, die Verluste an der Küste mit Fahrten auf das offene Meer zu kompensieren. Der Zwang auf die lokalen Fischer immer weiter auf dem offenen Meer zu fischen, hat schon zu einigen Todesfällen geführt.
 

Auswirkungen auf Senegal

Auswirkungen auf die Fischer

In den achtziger Jahren und der ersten Hälfte der neunziger Jahre hat die Fischerei in Senegal eine wichtige soziale und volkswirtschaftliche Funktion gehabt. In Zeiten fallender Pro-Kopf-Einkommen und Dürren konnte die Fischerei die sozialen Härten etwas auffangen. Auch wenn die Fischerei nur 2% bis 3% des Sozialproduktes ausmacht, so stellt sie doch direkt und indirekt 10% aller Arbeitsplätze zur Verfügung. Nach dem Preisverfall für Erdnüsse ist Fisch zudem das wichtigste Exportprodukt Senegals geworden. 

Der traditionelle Sektor leistet zusammen mit mittelständischen Unternehmen zwar nur 30% der Exporte, er ist aber allein für 50% des Inputs für die gesamte Weiterverarbeitung zuständig, leistet 70% aller Anlandungen von Fisch und schafft 85% der Arbeitsplätze in der Fischereiindustrie. Weil die lokalen Fischer eng mit den weiterverarbeitenden Sektoren, mit Schiffbau, Transport und Dienstleistungen zusammenhängen, bilden sie ein zentrales Element der senegalesischen Wirtschaft. 

Der Raubbau an den Fischbeständen bedroht dieses Netz lokaler Ökonomie. 

Auswirkungen auf die Ernährung

Der Fisch deckt in Westafrika 50 bis 80% der Versorgung mit tierischem Eiweiß. Im Senegal trägt Fisch zu über 75% zu der Proteinversorgung bei. Die zunehmende Knappheit lokal verfügbaren Fisches hat zu einem Anstieg der Preise für Fisch geführt. Fisch wird daher zu einem schwerer verfügbaren Gut; letztlich wird so die Versorgung der Bevölkerung gefährdet. Im Senegal sind aber nach Angaben der FAO schon heute 30% der Bevölkerung unterernährt. 
 

Konsequenzen und Forderungen

Ziele der europäischen Entwicklungszusammenarbeit

Die Ziele der europäischen Entwicklungszusammenarbeit sind im Maastricht-Vertrag festgelegt. Dort wird in Artikel 130 u nicht nur Bekämpfung der Armut, die nachhaltige und soziale Entwicklung der Länder und die allmähliche Integration in die Weltwirtschaft gefordert; im sogenannten Kohärenzgebot (Artikel 130v) wird auch gefordert, daß in allen Politiken der EU die Ziele der Entwicklungszusammenarbeit beachtet werden sollen. Die EU hat sich damit verpflichtet, nicht nur eine gute Entwicklungspolitik zu betreiben, sondern mit allen Politiken - also auch der Fischereipolitik - die eigenen entwicklungspolitischen Ziele zu verfolgen. 

Die geschilderten Auswirkungen der Fischereipolitik mißachten aber die grundlegenden Ziele der Armutsbekämpfung und der sozialen und nachhaltigen Entwicklung. Zudem wird es den Kleinfischern durch die unfaire Konkurrenz ihrer hochsubventionierten europäischen Kollegen sehr schwer gemacht, eine eigenständige, exportfähige Verarbeitung von Fisch aufzubauen. 

Der subventionierte Unsinn II

Auch die europäische Fischereipolitik muß sich ihrer verheerenden sozialen Konsequenzen bewußt werden. Die europäische Fischereiindustrie erfährt heute vielfache Förderungen. Diese mögen aus einer europäischen, regionalpolitischen Perspektive gerechtfertigt sein. Aber es gibt auch eine direkte Subventionierung der Fischer für ihre Fischzüge in die Gewässer der afrikanischen Länder. Die EU kauft teuer die Lizenzen für Fangquoten in diesen Ländern und gibt sie verbilligt an die Fischer ab, die damit die Fischbestände vor den Küsten der Entwicklungsländer befischen: Subvention der Armutsschaffung, statt Bekämpfung der Armut, das ist die traurige Konsequenz einer verfehlten Fischereipolitik

Die EU setzt ihre unsinnigen und für den Süden verheerenden Subventionen fort. 1992 machte Germanwatch einen anderen, ähnlich gelagerten Fall publik. Damals subventionierte die EU die Exporte ihrer Rindfleischüberschüsse nach Westafrika. Die Konsequenz war, daß die lokalen Produktions- und Vermarktungsstrukturen implodierten. In der Konsequenz wurden Sahelnomaden wie die Tuareg ihrer Lebensgrundlage beraubt. Die EU zerstörte mit den selbst subventionierten Exporten ihre eigenen Entwicklungsprojekte zum Aufbau einer lokalen Rindfleischversorgung und verschleuderte somit Steuermillionen, um Hunger zu produzieren. Im Fall der Rindfleischexporte konnte die EU durch öffentliche Proteste in vielen europäischen Ländern dazu bewegt werden, ihre unsinnigen Exportsubventionen für Rindfleisch nach Westafrika einzustellen. Manche machten sich die Hoffnung, daß damit eine Phase der besseren Koordinierung der verschiedenen EU-Politiken einsetzen würde. 

Fünf Jahre später stehen wir heute vor einem ähnlichen Fall. In Westafrika ist es seit Jahren ein Schwerpunkt deutscher und europäischer Entwicklungspolitik, die lokale Fischproduktion und -verarbeitung zu fördern. Im Senegal existieren zur Zeit über 20 Entwicklungsprojekte im Fischereisektor, allein durch die EU! Auch diese Projekte werden erfolglos bleiben, wenn die EU nicht ihre Fischereipolitik ändert. Der subventionierte Unsinn geht weiter!

Forderungen

Um den traditionellen senegalesischen Fischern ihr Überleben zu sichern und die Ernährungssituation im Senegal zu stabilisieren, sind folgende Schritte notwendig: 
  • Die EU muß ihre Fangmengen im Senegal, Mauretanien und anderen Entwicklungsländern soweit reduzieren, daß die
    • Ernährung in den betroffenen Ländern gesichert ist und
    • traditionelle Fischer Vorrang vor den Fangflotten aus Europa haben.
  • Die Gesamtfangmengen dürfen nicht kurzfristigen Profitinteressen und europäischen Strukturproblemen gehorchen, sondern sind an einer langfristigen, umweltgerechten Nutzung der Fischbestände zu orientieren.
  • Die bestehende 6-Meilen-Schutzzone mit exklusiven Nutzungsrechten für die traditionellen Fischer muß durch ein zuverlässiges Kontroll- und Überwachungssystem gesichert und auf 12 Meilen erweitert werden. Die EU als Verursacherin der Verletzungen hat die Kosten dafür zu tragen.
  • Mechanismen zur Kontrolle der Kohärenz zwischen Entwicklungspolitik und Fischereipolitik sind einzuführen; dazu gehören regelmäßige Berichte der Kommission an Rat und Parlament, Einrichtung eines Beschwerdemechanismus für betroffene Fischer und ein jährliches Hearing im Europaparlament zu Fragen der Kohärenz zwischen Entwicklungspolitik und anderen Politiken.
Europa muß lernen, seine Fischereiprobleme in Europa zu lösen und sie nicht auf dem Rücken der Ärmsten auszutragen.
Weitere Infos zum Thema:

Fisch gegen Hunger? - Strategien der Ernährungssicherung in Westafrika. Dokumentation des internationalen Kongresses (Bonn, 26./27. April 1999) [PDF-Datei, 440KB]

Nicht Fisch - Nicht Fleisch. Dokumentation des Germanwatch-Symposiums vom 2. Oktober 1998.

Eine kohärente europäische Fischereipolitik für die Ernährungssicherung Westafrikas tut Not. Essay von Rainer Engels über den Hintergrund der Kampagne

Studie: Fischfang und Ernährungssicherung in Westafrika: Widersprüche in der europäischen Fischereipolitik.
Juli 1998, 199 Seiten.
Autorin: Katja Hansen.
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Bestellungen bitte an versand@germanwatch.org (Versand erfolgt gegen Rechnung)

'Neues EU-Fischereiabkommen mit Senegal wird Existenzbasis senegalesischer Kleinfischer gefährden - Drastischer Widerspruch zwischen EU-Fischerei- und Entwicklungspolitik. Pressemitteilung 10.4.97 anläßlich des Besuchs von Vertretern senegalesischer Fischer in Deutschland und anderen europäischen Ländern


zuletzt geändert am 17.9.04