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USA, EU und Japan sind schlechte Vorbilder

Vorstellung des neuen Berichts "Zur Lage der Welt 2006 - China, Indien und unsere gemeinsame Zukunft" am 18.5.06

"Die westlichen Länder dienen nicht als gutes Vorbild", meint Oystein Dahle, Vorstandsvorsitzender des Worldwatch Instituts in Washington D.C. "Es ist falsch, mit dem Finger auf China oder Indien zu zeigen, denn drei Finger zeigen auf uns zurück. Das eigentliche Problem liegt im westlichen Konsumverhalten, das die USA, die EU und Japan seit Jahren vorleben." Der Energieverbrauch pro Person sei in den USA immer noch sechsmal höher als in China und zwanzigmal höher als in Indien. "Wir werden bald einen zweiten Planeten brauchen, um den zunehmenden Ressourcenhunger Asiens zu befriedigen, der an der steigenden Zahl von Autos und Passagierflügen sichtbar ist."
 
v.l.n.r.: Heman Agrawal, Barbara Unmüßig, Oystein Dahle

Dahle forderte bei der Vorstellung der deutschen Ausgabe des neuen Berichts "Zur Lage der Welt 2006 - China, Indien und unsere gemeinsame Zukunft" des Worldwatch Institutes am 18.5.06 in der Bundespressekonferenz in Berlin eine Trendwende im westlichen Konsum und Energieverbrauch. Neben den beiden Mitherausgebern der deutschen Ausgabe des Berichts, Germanwatch und Heinrich-Böll-Stiftung, war auch die Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Heidemarie Wieczorek-Zeul, anwesend.

"Der Bericht macht deutlich, dass wir in der internationalen Staatengemeinschaft gemeinsame Lösungen für globale Herausforderungen wie den Klimawandel, den wachsenden Energiebedarf und die Bekämpfung der Armut finden müssen" stellte Wieczorek-Zeul fest.

Die zentrale Aufgabe der Politik sei die "Entkopplung von Wachstum und Energieverbrauch". Dies bedeutet, dass die wirtschaftliche Produktivität eines Landes steigt, ohne dass der Energieverbrauch zunimmt. Der Einsatz erneuerbarer Energien und die effizientere Nutzung herkömmlicher Energie seien ein erster Schritt in diese Richtung und die deutsche Bundesregierung zeige sich auf diesem Feld bereits sehr aktiv. "Das BMZ wirkt als zentraler Akteur an einem deutsch-indischen Energieforum mit, dessen Ziel eine Entkopplung des indischen Wirtschaftswachstums vom Energieverbrauch ist. Mit der chinesischen Regierung besteht außerdem eine strategische Partnerschaft, deren Ziel es ist, veraltete chinesische Kohlekraftwerke zu modernisieren und ihren Effizienzgrad zu erhöhen."

"Deutschland muss seine Vorreiterrolle bei Umwelt- und Klimapolitik aufrecht erhalten" forderte Klaus Milke, Vorstandsvorsitzender von Germanwatch, bei der Vorstellung des Berichts. Sowohl die anstehende G8-Präsidentschaft als auch die EU-Ratspräsidentschaft böten der Bundesregierung Gelegenheit, sich für eine nachhaltige, internationale Politik einzusetzen.

Milke schlug vor, bei den G8-Gesprächen das Auto und den Ressourcenverbrauch auf die Agenda zu setzen. "Denn alle G8-Mitgliedstaaten sind wichtige Autohersteller und das chinesische "1-Liter-Auto" wird in naher Zukunft den europäischen Automobilmarkt erobern. Dieser hat auf dem Gebiet innovativer Technologien offensichtlich zu wenig zu bieten."

Außerdem appellierte Milke an die Verantwortung, die international tätigen Firmen in einer globalisierten Welt zukomme. "Gerade deutsche Unternehmen, die in China tätig sind, müssen sich mit Umweltschutz und Menschenrechten auseinandersetzen. Die OECD- Richtlinien für Unternehmen bieten einen guten Ansatzpunkt." Mit dem Thema Unternehmensverantwortung befasst sich auch das einleitende Kapitel, das Milke für die deutsche Ausgabe des "Berichts zur Lage der Welt 2006" verfasst hat.

Aus einer anderen Perspektive betrachtete Ralf Fücks, Vorstandsmitglied der Heinrich-Böll-Stiftung das Problem der Ressourcenknappheit. Er wies auf die außen- und sicherheitspolitischen Konsequenzen hin, die die Abhängigkeit vom Öl mit sich bringe. "Nicht zuletzt Chinas fragwürdige wirtschaftliche Kooperation mit diktatorischen Staaten wie Iran und Sudan ist ein Alarmsignal. Insofern sollten Staaten in ihrem eigenen Interesse einen Ehrgeiz entwickeln, den Ressourcenwettbewerb zu überwinden und auf alternative Energieformen setzen."

Eine öffentliche Diskussionsrunde auf der Galerie der Heinrich-Böll-Stiftung gab am Abend Gelegenheit, Wissenswertes über China und Indien aus erster Hand zu erfahren. Neben Klaus Milke für Germanwatch, Barbara Unmüßig von der Heinrich-Böll-Stiftung und Oystein Dahle vom Worldwatch Institut saßen zwei weitere Gäste auf dem Podium: China-Expertin Kathrin Altmeier von der Heinrich-Böll-Stiftung und Heman Agrawal, gebürtiger Inder und Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Witten-Herdecke.

Frau Altmeier lobte das wachsende Engagement der chinesischen Zivilgesellschaft in Umweltfragen. "In den letzten Jahren entstanden über 2000 nichtstaatliche Organisationen im Umweltbereich." Auch in der Politik scheine sich ein stärkeres Bewusstsein für die Herausforderungen auf dem Gebiet der Klima- und Umweltpolitik herauszubilden. "Das Ziel der chinesischen Regierung ist es, dass erneuerbare Energie bis 2020 15% des gesamten Energieverbrauches ausmachen. Vor zwei Jahren hat die Regierung außerdem ein Gesetz erlassen, das Großprojekte auf ihre Umweltverträglichkeit prüft, bevor sie zugelassen werden."

Leider gebe es - so beide Experten für China und Indien - noch viele Hindernisse auf dem Weg zu einer erfolgreichen Umwelt- und Klimapolitik. Altmeier wies auf die die starke Zentralisierung des politischen Systems hin, das eine effiziente Umsetzung von Politikmaßnahmen deutlich erschwere. "Ein anderes Problem ist die immer noch weit verbreitete Korruption, die Unternehmen das Umgehen umweltschonender Vorschriften ermöglicht. Die chinesischen Medien, denen bei der Aufklärungsarbeit eine entscheidende Rolle zukommt, werden seit einiger Zeit nicht mehr vom Staat finanziert. Dadurch sind sie zwar einerseits freier, andererseits aber auch kommerzieller, was bedeutet, dass sie nur bedingt als zuverlässige Informationsquelle dienen."

Durch das enorme Wirtschaftswachstum von 9,4 % stehe die chinesische Wirtschaft außerdem unter hohem Erwartungsdruck seitens der Privatwirtschaft, was eine nachhaltige Wirtschaftspolitik nicht einfacher mache. Als Lösungsansatz führte Frau Altmeier die Einführung eines Nachhaltigkeitsindexes an, der neben dem Bruttosozialprodukt als Maß für die wirtschaftliche Entwicklung dienen könnte. In diesen würde zum Beispiel der Anteil erneuerbarer Energie einfließen.

Heman Agrawal von der Universität Witten-Herdecke sieht sein Heimatland Indien vor ähnlichen Herausforderungen. Er appelliert an die Verantwortung der westlichen Länder. "Indien emanzipiert sich langsam, aber der Westen bleibt als falsches Entwicklungsmodell weiterhin das Vorbild", sagt Agrawal. USA, EU und Japan sollten das westliche Entwicklungsmodell kritisch hinterfragen, bevor sie es anderen aufzwingen. "Die westlichen Länder müssen die Chancen für eine nachhaltige globale Entwicklung, die in ihrer Vorbildrolle liegen, erkennen und ergreifen."

"Zur Lage der Welt 2006 - China, Indien und unsere gemeinsame Zukunft", herausgegeben vom Worldwatch Institute in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung und Germanwatch. Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2006, 319 Seiten, 19,90 Euro. ISBN 3-89691-628-9. Erhältlich im Buchhandel oder im Online-Shop der Heinrich-Böll-Stiftung.

Paula Scheidt
 


zuletzt geändert am 25.5.06