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Abkühlender Effekt der Aerosole bislang unterschätzt

Globale Erwärmung von schlimmstenfalls 7 bis 10 °C zu befürchten!

Der New Scientist vom 4.6. zitiert hochrangige Klimawissenschaftler mit der Aussage, der Abkühlungseffekt durch die Aerosole (z.B. Schwefeldioxid) sei weitaus größer als bisher angenommen. Folglich sei der bisherige "Bruttoerwärmungseffekt" der Treibhausgase deutlich höher. Da - wie bekannt -  die Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre in den kommenden Jahrzehnten weiter zunehmen, die der Aerosole allerdings stabil bleiben oder sogar sinken wird, ist aufgrund der jetzt neu eingeschätzten Wirkung der Aerosole eine deutlich höhere zukünftige Erderwärmung zu befürchten als bisher angenommen.

Germanwatch gibt den Beitrag in eigener Übersetzung wieder.

"Rauch bewölkt unsere Sicht der globalen Erwärmung und schützt den Planeten vor vielleicht drei Viertel des Treibhauseffekts. Das mag sich nach einer guten Nachricht anhören, aber Experten sagen, dass wir in den kommenden Jahrzehnten mit Zurückgehen der Bedeckung eine dramatische Eskalation der Erwärmung erleben werden, die zwei- oder dreimal so hoch sein könnte wie offizielle Schätzungen.

Diese dramatische Schlussfolgerung wurde letzte Woche auf einem Workshop in Berlin- Dahlem erreicht, auf dem führende Klimaforscher zusammenkamen, einschließlich des Nobelpreisträgers Paul Crutzen und des schwedischen Meteorologen Bert Bolin, dem ehemaligen Vorsitzenden des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) der UN.

IPCC-Wissenschaftler vermuten seit einem Jahrzehnt, dass Aerosole aus Rauch und andere Partikel, die bei der Verbrennung von Regenwald, Ernteabfällen und fossilen Brennstoffen entstehen, das Sonnenlicht blockieren und dem Erwärmungseffekt der Kohlendioxid-Emissionen entgegenwirken. Bisher nahmen sie jedoch an, dass Aerosole die Treibhauserwärmung um vielleicht ein Viertel reduzieren, was den Anstieg um 0,2°C verringert. Die Erwärmung von 0,6°C über das letzte Jahrhundert wäre also ohne Aerosole 0,8°C gewesen. (...)

Aber der Berliner Workshop kam zu dem Schluss, dass die wirkliche Zahl sogar noch höher ist - Aerosole könnten die globale Erwärmung um drei Viertel reduziert und somit den Anstieg um 1,8°C verringert haben. Wenn das so ist, dann ist die gute Nachricht, dass Aerosole eine Erwärmung der Erde um fast zwei Grad mehr als jetzt verhindert haben. Aber die schlechte Nachricht ist, dass das Klimasystem sehr viel empfindlicher auf Treibhausgase reagiert, als bisher angenommen.

Da erwartet wird, dass diese Gase sich weiterhin in der Atmosphäre ansammeln, während der Aerosol-Ausstoß stabil bleibt oder zurückgeht, hat das "dramatische Konsequenzen für Schätzungen des zukünftigen Klimawandels" (...).

Der Sonnenschirm-Effekt

Berechnungen über den Kühlungseffekt von Aerosolen sind in der Vergangenheit von "fehlender" globaler Erwärmung, die von Klimamodellen vorausgesagt worden war, abgeleitet worden. Aber direkte Messungen, die im Mai in Science (Bd. 300, S. 1103)  (...) berichtet wurden, zeigen einen viel größeren Sonnenschirm-Effekt. Anderson sagt, die Klimasensitivität könnte größer sein als Klimamodelle nahe legen.

Auf dem Treffen in Berlin gab es ebenfalls Belege dafür, dass die Temperaturen in früheren Warmzeiten höher waren als sie hätten sein sollen, wenn Schätzungen der atmosphärischen Zusammensetzung zur damaligen Zeit und Treibhausmodelle korrekt sind. Dies deutet wieder auf eine größere Sensitivität hin.

"Es sieht so aus, als ob die heutige Erwärmung nur ein Viertel von dem sein könnte, was wir ohne Aerosole hätten", sagte Crutzen dem New Scientist. "Man könnte sagen, die Abkühlung hat uns einen großen Gefallen getan. Aber die gesundheitlichen Auswirkungen vieler Aerosole im Smog sind so groß, dass sogar in den armen Teilen der Welt bereits Emissionen verringert werden." Aus guten Gründen scheinen Aerosolkonzentrationen künftig zu fallen.

Zusätzlich bleiben die meisten Aerosolemissionen nur ein paar Tage in der Atmosphäre. Die meisten Treibhausgase bleiben dort für ein Jahrhundert oder länger. Mit der Zeit werden Aerosole uns also immer weniger vor der globalen Erwärmung schützen. "Sie geben uns im Moment ein falsches Gefühl der Sicherheit", sagte Crutzen. (...)

Eine vorläufige Schätzung setzt die Erwärmung zwei oder sogar dreimal höher an als geläufige mittlere Schätzungen von 3°C bis 4°C basierend auf einer Verdopplung von Treibhausgasen in der Atmosphäre, die zum Ende dieses Jahrhunderts wahrscheinlich ist.

Das deutet auf eine globale Erwärmung gut über der maximalen IPCC-Voraussage von 5,8°C hin. Über den Daumen gepeilte Berechnungen weisen nun auf eine Erwärmung von schlimmstenfalls 7 bis 10°C hin.

Will Steffen von der Schwedischen Akademie der Wissenschaften sagt, die Botschaft an politische Entscheidungsträger sei klar: 'Wir müssen das Problem der Treibhausgasemissionen eher früher als später in den Griff bekommen.' "

Quelle: New Scientist vom 4.6.03
 


zuletzt geändert am 20.6.03