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Zukunftswelten
 
Unstrittig ist, dass eine Stabilisierung der Treibhausgaskonzentrationen in der Atmosphäre notwendig ist, um "gefährliche Störungen" des Klimasystems zu vermeiden. Strittig ist jedoch, auf welchem Niveau eine Stabilisierung anzustreben ist. Es ist ausgeschlossen, dass es der Wissenschaft gelingen kann, dieses Konzentrationsniveau, an dem Teile des Klimasystems sprunghaft ihr Verhalten verändern, jemals präzise im vorhinein zu berechnen. Klar aber ist: Je größer das Ausmaß und die Geschwindigkeit des Wandels, desto größer ist das Risiko, solche Schwellenwerte zu überschreiten. Auf Kriterien für als gefährlich abzulehnende Konzentrationsniveaus hat man sich bereits in der Klimarahmenkonvention (Artikel 2) festgelegt: die Anpassungsfähigkeit der Ökosysteme soll erhalten bleiben, die Ernährung des Menschen gesichert werden und eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung soll möglich sein. Was das konkret heißt, das gilt es in den nächsten Jahren politisch festzulegen. Die EU hat sich bereits 1996 dahingehend geäußert, dass die Konzentration unter 550 ppm (ppm: parts per million; Teile CO2 pro einer Million anderer Gasteile in der Atmosphäre) liegen müsse. GERMANWATCH fordert aus Vorsorgegründen das ehrgeizige Ziel, die Stabilisierung der CO2-Konzentration in der Atmosphäre auf einem Niveau unter 450 ppm zu stabilisieren.

Für die Abschätzung der kommenden Klimaänderungen ist die Klimaforschung auf Klimamodellsimulationen angewiesen (Hegerl/Hasselmann/Latif, 1998: 157). Diese Klimaszenarien basieren insbesondere auf den Annahmen zukünftiger Treibhausgasemissionen, bzw. der Energie- und Verkehrsnachfrage, die beide hauptsächlich von der demographischen, sozioökonomischen und der technologischen Entwicklung abhängen. (IPCC, 2000a: 3). 

Der globale Trend steigender Treibhausgasemissionen in den letzten Jahren wird sich - wenn die Politik nicht entschieden einen anderen Rahmen setzt, laut fast allen Szenarien fortsetzen, wobei enorme regionale Unterschiede bestehen. Während für den Emissionsausstoß und die Energienachfrage in den Industrieländern nur ein geringer Anstieg oder gar eine konstante Entwicklung angenommen werden, erwarten viele Szenarien bis zum Jahr 2020 eine Verdoppelung des Energiebedarfs in den Entwicklungsländern. "Da dieser Bedarf zu einem Großteil unter Verwendung fossiler Brennstoffe gedeckt werden dürfte, rechnet man mit einer Erhöhung des CO2-Ausstoßes der Entwicklungsländer um 115%, sofern keine Maßnahmen zu dessen Verminderung unternommen werden" (Europäische Kommission, 1999: 5; siehe auch untenstehende Abbildung). Dieser Anstieg wird sich aber vermutlich auf einige Regionen innerhalb der Entwicklungsländer konzentrieren. 
 

Der Globale Klimawandel:
Das perfekte Verbrechen?

Abb.10: Regionale Entwicklung der weltweiten Kohlenstoffemissionen, 1990-2020 (Quelle: Europäische Kommission, 1999: 5)
 

 
Ursachen für den erwarteten Anstieg der CO2-Emissionen bzw. der Treibhausgasemissionen in Entwicklungsländern sind insbesondere das prognostizierte Wirtschaftswachstum sowie hohes Bevölkerungswachstum. Der Anteil der Entwicklungsländer am Weltbevölkerungswachstum liegt bei ca. 95% (Myers, 1993: 207; Nuscheler, 2000: 42). Aber auch fortschreitende Urbanisierung, die Zunahme des Verkehrsaufkommens und eine alternde Bevölkerung werden weiterhin zu einem erhöhten Energieverbrauch beitragen (Graffin, 1998: 143f). Der mittlere Anstieg des Energiebedarfs in Entwicklungsländern betrug zwischen 1970 und 1995 jährlich im Durchschnitt 5,2% (Pankrath, 1998: 384). 

Neben dem Anstieg durch industrielle Entwicklung sind höhere Treibhausgasemissionen durch landwirtschaftliche Produktion, wie Nassreisanbau und Viehzucht, oder durch verstärkte Rodung für Brennholzgewinnung, Erhöhung der landwirtschaftlichen Nutzfläche oder den Export zu erwarten (Benedick, 2000: 16f; BMZ, o.J.: 6). Zur Zeit haben mehr als zwei Milliarden Menschen noch keinen Zugang zu Elektrizität (PNUD, 1997:1) und sind auf Holz als Brennstoff angewiesen. 

Der Entwicklungstrend macht deutlich, dass in den nächsten Jahrzehnten ein Anstieg der gesamten, weltweiten Treibhausgasemissionen nur mit größten Anstrengungen zu verhindern ist. Der Gesamtanteil der Entwicklungsländer an den historisch durch den Menschen in der Atmosphäre angesammelten Emissionen wird die 50-%-Marke vor Mitte dieses Jahrhunderts wahrscheinlich nicht überschreiten (Oberthür/Ott, 1999: 27). 
 

Abb. 11: Szenarien des globalen Bevölkerungswachstums (Quelle: IPCC, 2000a: 32)
 

 (1)  Erkenntnisse aus dem Szenariendschungel

Das weltweit renommierteste Wissenschaftlergremium zu Klimafragen, das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), hat Hunderte der weltweit entwickelten Zukunftsszenarien in Bezug auf ihre Bedeutung für die Klimaentwicklung untersucht. In diesen "business as usual"- Szenarien greift die Politik nicht aktiv über das heutige Maß hinaus im Sinne des Klimaschutzes ein. Es wird vielmehr untersucht, wie sich verschiedene gesellschaftliche Triebkräfte auf die klimatische Entwicklung auswirken. Zentral sind davon die soziale, ökonomische und demographische (d.h. die auf das Bevölkerungswachstum bezogene) Entwicklung, sowie die Geschwindigkeit des technischen Wandels. 

Die untersuchten 40 Szenarien reichen bis ins Jahr 2100. Die WissenschaftlerInnen gruppierten sie in vier sogenannte "Familien", je nachdem ob in der angenommenen Politik eine eher ökonomische ("A") oder eine eher ökologische ("B") Schwerpunktsetzung überwog und ob sie mehr global ("1") oder mehr regional ("2") ausgerichtet waren. Die vier Familien wurden A1, A2, B1, B2 genannt. 

Die Szenarien zeigen einerseits: Sehr ähnliche wirtschaftliche und soziale Entwicklungstendenzen können mit einem ganz unterschiedlichen Ausstoß an Treibhausgasen verknüpft sein. Und andererseits: sehr unterschiedliche gesellschaftliche Trends können in der Summe zu ähnlichen Klimabelastungen führen. Für die Entwicklungsländer sagen fast alle Szenarien einen Anstieg der Emissionen - allerdings in sehr unterschiedlichem Ausmaß - voraus. Für die Industrieländer gibt es auch Szenarien, die eine der technischen Entwicklung zu verdankende, deutliche Verringerung des Treibhausgasausstoßes vorhersagen.
 

Abb. 12: Schematische Illustration der IPCC-Szenarien (Quelle: IPCC, 2000b: 28)
 

 
Vornehmlich Szenarien aus der ökologisch-globalen Familie B1 bieten günstige Ausgangspunkte für eine ambitionierte Klimapolitik (Das macht Hoffnung.). Global gesehen sind diejenigen Verläufe am klimaverträglichsten, die eine schnelle und zugleich klimaverträgliche Erneuerung des "Kapitalstocks" (damit ist vornehmlich die Infrastruktur im Energie- und Verkehrsbereich gemeint) ermöglichen. Dies ist nur möglich bei relativ hohen Wachstumsraten. Die von vielen vertretene generelle Wachstumskritik sollte also - zumindest für die Übergangszeit des gerade begonnenen Jahrhunderts - noch einmal überdacht werden.

Für den einzelnen heißt das, seinen Beitrag zu einer Lenkung des Wachstums zu leisten. Also nicht nur über Genügsamkeit nachzudenken, sondern beim Konsum und bei der Geldanlage auf soziale und ökologische Kriterien zu achten. In einer pluralistischen Gesellschaft können sowohl die Lebensstil-Innovateure, die auf viele Annehmlichkeiten verzichten, um einen sozial- und umweltverträglichen Lebensstil praktizieren zu können, als auch die, die durch Konsum und ihr - nach sozialen und ökologischen Kriterien angelegtes - Erspartes den technischen Innovationsprozess vorantreiben, zum "Umsteuern" der Gesellschaft beitragen. Wir brauchen einen Wettstreit ganz verschiedener zukunftsfähiger Lebensstile, nicht den dogmatischen Kampf für einen bestimmten Lebensstil.

Ein weiteres interessantes Ergebnis des Vergleichs der vielen Szenarien ist: Sowohl eine aktive Politik zum Abbau von Subventionen für klimapolitisch kontraproduktive Strukturen als auch die Verringerung der Kluft zwischen Arm und Reich, dienen dem Klimaschutz meist nebenher. Eine Politik, die auch soziale Gerechtigkeit und ökologische Aspekte im Sinn einer nachhaltigen Entwicklung sowohl im nationalen als auch internationalen Kontext berücksichtigt, ist viel leichter mit einer klimaverträglichen Entwicklung zu vereinbaren, als eine, die sich fast ausschließlich an der ökonomischen Logik orientiert:

So verändern sich die Kosten des Klimaschutzes dramatisch, je nachdem ob gleichzeitig eine an einer verringerten Kluft zwischen Arm und Reich orientierte Politik betrieben wird oder nicht. Eine Stabilisierung der CO2-Konzentration bei einem einigermaßen akzeptablen Wert von 450 ppm (ppm: parts per million; Teile CO2 pro einer Million anderer Gasteile in der Atmosphäre) verursacht bei einer stärker an Gerechtigkeitsgesichtspunkten orientierten Politik gleich hohe Kosten, wie eine vollkommen unverantwortliche Stabilisierung bei 750 ppm im Rahmen einer hauptsächlich an wirtschaftlichen Kriterien orientierten Politik kosten würde.

Aus dem Vergleich der vielen Szenarien durch den IPCC lässt sich kein Patentrezept für "den einzigen Königsweg" zum Klimaschutz ableiten. Aber er gibt doch wertvolle Hinweise, in welchem Rahmen sich jedes Land seinen passenden Pfad auswählen sollte.

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Abb.13: Szenarien globaler CO2-Emissionen 
(Quelle: IPCC, 2000b: 6)
 


zuletzt geändert am 12.9.02