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Situation der Entwicklungsländer
 
Warum sind viele Entwicklungsländer - und dort vor allem die arme Bevölkerung, die zwei Drittel der Gesamtbevölkerung ausmacht - besonders stark durch den globalen Klimawandel betroffen? Um die Betroffenheit einer Region von den Folgen des Klimawandels einzuschätzen, gilt es vor allem die Verletzbarkeit (vulnerability) und die Anpassungsfähigkeit dieser Region abzuschätzen (IPCC, 1998: 4). Außerdem gilt es, die Frage zu klären, wo die stärkste Zunahme von Wetterkapriolen und anderen Konsequenzen des Klimawandels zu erwarten ist. Diese drei Faktoren sollen im einzelnen angeschaut werden:

Erstens: Die besondere Verletzbarkeit vieler Entwicklungsländer erklärt sich zu einem guten Teil daraus, dass sie stark landwirtschaftlich strukturierte Länder sind. Sie sind daher in hohem Maße von Wetterextremen und einer Änderung der klimatischen Bedingungen betroffen. Das Beispiel Afrika verdeutlicht dies. In den Staaten südlich der Sahara z.B. entfielen 1995 etwa 20 Prozent des Bruttosozialproduktes auf die Landwirtschaft, wobei dieser Anteil in einigen Ländern sogar bei über 50 Prozent liegt. In vielen Entwicklungsländern stellen die landwirtschaftlichen Produkte mehr als die Hälfte der Exporte (Jütting, 1999: 75-76; vgl. auch IPCC, 1998: 40), die die dringend benötigten Devisen einbringen. Die Verletzbarkeit gegenüber veränderten klimatischen Bedingungen für die Landwirtschaft oder Wetterextremen steigert sich in den Fällen weiter, wo ein oder zwei landwirtschaftliche Produkte den Export fast vollständig dominieren, wie z.B. in Uganda der Kaffee (vgl. auch das Fallbeispiel: "Interessiert Sie nicht die Bohne?"). Eine Temperaturveränderung kann den Anbau dieses Produktes unmöglich machen.

Zweitens: Entwicklungsländern fehlen die Kapazitäten für viele notwendige Anpassungsmaßnahmen. 

Insbesondere Afrika ist den Klimaänderungen mit Abstand am stärksten ausgesetzt, weil Armut die Anpassungsmöglichkeiten einschränkt (IPCC, 1998: 8). Ungefähr 73 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche sind bereits degradiert, 66 Prozent des Kontinents sind Wüste oder Ödland (IPCC, 1998: 53). "In den Trockengebieten der Erde wird voraussichtlich das Risiko für Unterernährung zunehmen, da die Erfordernisse für eine Anpassung - wie die Änderung der eingesetzten Sorten in der Landwirtschaft, wasserwirtschaftliche Maßnahmen oder Bodenverbesserung - im allgemeinen nicht aufgebracht werden können" (Hupfer/Graßl/Lozán, 1998: 425). Bevölkerungswachstum verschärft diese Situation zusätzlich und erhöht den Druck auf die natürlichen Ressourcen.

Fehlende finanzielle Mittel und eine wachsende Bevölkerung erschweren in Entwicklungsländern auch die Anpassungsmaßnahmen in vielen Küstengebieten und führen dazu, dass eine zunehmende Zahl von Menschen den Risiken eines steigenden Meeresspiegels ausgesetzt ist. Hiervon wäre am stärksten die Bevölkerung in dicht besiedelten Flussdeltas (z.B. in Bangladesch, Indien, China, Vietnam oder Mosambik) und auf kleinen Inselstaaten betroffen (McMichael et al., 1996:35, 150) Das Risiko steht in Abhängigkeit von etwaigen Schutzmaßnahmen, die aufgrund nicht vorhandener Kapazitäten jedoch in vielen Ländern fehlen (vgl. auch das Fallbeispiel: "Flut an Land - Ebbe im Portemonnaie").

Ebenfalls von Schutzmaßnahmen abhängig sind wertvolle Wirtschaftsräume in Küstennähe. Hierzu zählen viele fruchtbare landwirtschaftliche Nutzflächen, Fischereien, Tourismusgebiete, Industrieansiedlungen oder Städte (Pernetta, 1992: 24, IPCC, 1998: 65). Die Millionenstädte in Entwicklungsländern, wie Mumbai oder Lagos, sind größtenteils in Küstennähe erbaut worden. Setzt sich die derzeitige Entwicklung des Städtewachstum fort, so würden viele der ohnehin schon exponierten Räume zunehmend belastet. Die Zahl der Millionenstädte in Ländern mit niedrigem pro-Kopf-Einkommen ist seit 1950 um mehr als das Siebenfache angestiegen, so dass voraussichtlich 2015 zwölf der fünfzehn größten Städte weltweit in Entwicklungsländern liegen werden (Münchener Rück, 2000: 70-73; siehe Abbildung 11). 
 

Der Globale Klimawandel:
Das perfekte Verbrechen?

Abb.10: Mögliche Auswirkungen des Meeresspiegelanstiegs auf das Nil-Delta (Quelle: UNEP/GRID, o.J.: Abb. 32/33)
 

 
Die Gründe für die geschilderte hohe Anfälligkeit gegenüber den Klima- und Witterungsbedingungen liegen vor allem in den mangelnden Kapazitäten, um Anpassungsmaßnahmen (adaptation measures) durchzuführen. Unter diese nicht ausreichenden Kapazitäten fallen unangemessene finanzielle Ressourcen, begrenzte institutionelle und technologische Möglichkeiten und ein Mangel an ausgebildetem Personal (IPCC, 1998: 7). Beispielhaft hierfür steht das El Niño Ereignis 1997/98. Obwohl es bereits im voraus korrekt vorhergesagt werden konnte (WBGU, 1998: 136), richtete es mangels Kapazitäten in vielen betroffenen Regionen große Schäden an (vgl. Moeller, 2000: 47-58). Derartige Extremereignisse können Länder um Jahre in ihrer Entwicklung zurückwerfen. 

Die Entwicklungsländer weisen im Hinblick auf ihre Anfälligkeit gegenüber Klimaänderungen große Unterschiede auf. In einigen Regionen der Welt ist damit zu rechnen, dass die Folgen des Klimawandels zu großen Fluchtbewegungen und Kriegsrisiken führen. "Die negativen Auswirkungen des Klimawandels, gekoppelt mit einer zunehmenden Verschlechterung der Umweltbedingungen infolge von Klimaschwankungen und nicht umweltverträglichen Formen der Flächennutzung könnten zu einer Verschlimmerung der sozioökonomischen und gesundheitlichen Probleme führen, die Abwanderung der Bevölkerung aus ländlichen und küstennahen Gebieten begünstigen und nationale und regionale Konflikte verschärfen." (Europäische Kommission, 1999: 7). Die International Federation of Red Cross and Red Crescent Societies hat in ihrem World Disaster Report 1999 mitgeteilt, dass es bereits jetzt mehr Umwelt- als Kriegsflüchtlinge gibt - die meisten davon in Afrika südlich der Sahara.

Neben der Frage der Verletzbarkeit und Anpassungsfähigkeit ist drittens die Frage nach der absoluten Betroffenheit von Entwicklungsländern durch den Klimawandel sehr wichtig.

In einigen Teilen Asiens und Afrikas hat die Häufigkeit und Intensität von Dürren in den letzten Jahrzehnten bereits zugenommen. Die Befürchtung, dass der meist mit zahlreichen Katastrophen - vor allem in Ländern des Südens - einhergehende El-Nino-Effekt an Heftigkeit und Häufigkeit durch den globalen Klimawandel zunimmt, bewahrheitet sich mehr und mehr. Weiterhin ist wahrscheinlich, dass Monsun-Regen, die für viele asiatische Länder lebensnotwendig sind, durch die Erwärmung des Klimas vermehrt unregelmäßig auftreten werden.

Die Verletzbarkeit der Entwicklungsländer ist besonders groß. Ihre Fähigkeit zu Anpassungsmaßnahmen ist weit geringer als die der reichen Staaten. Außerdem scheinen einige Regionen auf der Südhalbkugel besonders heftigen Wetterkapriolen entgegenzusehen. All diese Gründe führen dazu, dass der globale Klimawandel und eine Häufung von Wetterextremen für viele der in Entwicklungsländern lebenden Menschen - vor allem für den ärmeren Teil der Bevölkerung - eine echte Existenzfrage darstellen. Ganze Länder können um Jahre in ihrer Entwicklung zurückgeworfen werden.

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Abb.11: Anzahl der Millionenstädte (1950-2015) (Quelle: Münchener Rück, 2000,Welt der Naturgefahren, CD Rom)
 

 


zuletzt geändert am 12.9.02