Wir sollten weniger um Prozentzahlen streiten, sondern Ziele praktisch umsetzen

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Wir sollten weniger um Prozentzahlen streiten, sondern Ziele praktisch umsetzen

Interview mit Bertram Fleck (CDU), Landrat im rheinland-pfälzischen Rhein-Hunsrück-Kreis

Foto: Bertram Fleck

Der Rhein-Hunsrück-Kreis versorgt sich schon heute zu 57 Prozent mit erneuerbarem Strom und bereits im Jahr 2013 sollen 154 Prozent erreicht sein, so dass der Kreis zum Stromexporteur wird. Bertram Fleck verrät, welche Vorteile die Erneuerbare Energiewende für die Region bringt und warum sie sich auch für andere Kommunen lohnt.

Seit 1999 setzen Sie sich im Rhein-Hunsrück Kreis intensiv für den Ausbau von Erneuerbaren Energien ein. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Zunächst senkten wir mittels Energiecontrolling die Verbräuche unserer Gebäude massiv. Dies war die Voraussetzung, um die Erneuerbaren effizient nutzen zu können. Anschließend entwickelten wir ein Energiekonzept mit Potenzialen und Handlungsempfehlungen, die systematisch umgesetzt wurden – von CO2-neutralen Heizanlagen, über Passivhaus-Bauweise bei Sanierungen bis zur Installierung von Photovoltaik. Auch dezentrale Pilotprojekte packten wir an, um eine Vorreiterrolle in der Region einzunehmen und eine Vorbildfunktion auszuüben. Die Gremien reagierten immer aufgeschlossen. Im Zusammenhang mit Erneuerbaren Energien wird oft von regionaler Wertschöpfung gesprochen.

Was heißt das konkret für Ihren Landkreis?

Das heimische Handwerk ist der Hauptgewinner beim Bau dezentraler Energieanlagen. So wurden alleine durch unser Nahwärmekonzept der thermischen Nutzung von Baum und Strauchschnitt sechs Millionen Euro Auftragsvolumen regional vergeben. Bei allen anderen Anlagen verbleiben rund 20 Prozent des Investments beim örtlichen Handwerk, über jährliche Service- und Wartungsleistungen. Fortlaufende Pacht-Steuerzahlungen, Unternehmensgewinne in den Kommunen, Nettoeinkommen für Beschäftigte und Vergütungen aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz sind Folgeeffekte. Eine von uns erstellte Grobabschätzung der Wertschöpfung wurde von der Agentur für Erneuerbare Energien wissenschaftlich geprüft. Demnach betrug die kommunale Wertschöpfung alleine für das Jahr 2009 bereits 9,4 Millionen Euro. Es wurden fossile Brennstoffimportkosten in Höhe von 12,3 Millionen Euro vermieden, Tendenz weiter steigend. Nach wie vor sind viele Menschen noch nicht von der Machbarkeit einer 100-prozentigen Versorgung mit Erneuerbaren Energien überzeugt.

Was entgegnen Sie Skeptikern?

Wir sollten uns weniger um Prozentzahlen, Jahreszahlen der Verwirklichung, Ideologien und die Frage der notwendigen Anzahl von herkömmlichen Regellastkraftwerken streiten, als vielmehr die Ziele zum Aus- und Umbau praktisch umsetzen. Vor 15 Jahren gab es in meinem Landkreis keine nennenswerte Energieerzeugung. 2009 gab es bereits 1.465 Anlagen zur erneuerbaren Stromerzeugung. 2012/13 werden wir aus diesen Quellen mehr Strom erzeugen, als der gesamte Kreis verbraucht, wir werden Stromexporteur. Auch ich habe diese Entwicklung bis vor Kurzem nicht für möglich gehalten.

Was wünschen Sie sich von der Berliner Politik, um den Ausbau der Erneuerbaren Energien weiter zu stärken?

Das Einspeiseprivileg für die Erneuerbaren muss bestehen bleiben, angepasst an die jeweilige Entwicklung. Für energetische Wohnungsund Gebäudesanierungen sollten die Zinsverbilligungs- und Fördermöglichkeiten wesentlich aufgestockt werden. In diesem oft unterschätzten Bereich sind schnell und direkt Energieeffizienzmaßnahmen mit großem Einspareffekt umzusetzen.

Was raten Sie Kommunen und Landkreisen, die auf ihrem Weg zu einer Erneuerbaren Energieversorgung erst am Anfang stehen?

Das Rad muss nicht neu erfunden werden. Wir haben sehr viele Ideen bei anderen Kommunen gesehen und auf unsere Verhältnisse angepasst übernommen. Die zuständigen Gremien und Entscheidungsträger müssen sich als Vorbild an die Spitze der Bewegung stellen und ehrgeizige Ziele vorgeben, Privatpersonen und Gewerbetreibende folgen dann leichter. Letztlich ist der Ausbau Erneuerbarer Energien das Potenzial für den ländlichen Raum, das nicht ungenutzt bleiben sollte.

 

Interview: Damian Arikas